Omar Kamil: Der Holocaust im arabischen Gedächtnis

 

Viele Arbeiten über die Entwicklung des Antisemitismus in der arabischen Welt schwanken zwischen relativierender Verharmlosung und verallgemeinernder Verunglimpfung aller Araber als willige Nazikollaborateure.

Ausgerichtet auf den Aspekt der Holocaustleugnung und die Jahre 1945 bis 1967 verwendet Omar Kamil in seinem Buch einen ideengeschichtlichen Ansatz. Anhand der innerarabischen Diskurse über die drei Denker Arnold Toynbee, Jean-Paul Sartre und Maxime Rodinson zeigt er die große Bandbreite an Haltungen arabischer Intellektueller und ihre Entwicklungen auf. Dabei zitiert er aus einer Fülle arabischsprachiger Quellen und lädt „insbesondere arabische Wissenschaftler dazu ein, sich der Erforschung des Holocaust jenseits eigener Leiderfahrungen zu öffnen“ (S. 170).

Seine Herangehensweise ist neu und spannend, stellenweise aufschlussreich, aber kaum zu einer „Erklärung“ des Phänomens der Holocaustleugnung geeignet. Kamil selbst hat sein Anliegen so formuliert: „Es soll gezeigt werden, warum die Begegnung mit den Werken von Toynbee, Sartre und Rodinson die angemessene Wahrnehmung des Holocaust in der arabischen Welt blockierte und zu dessen Leugnung führte. Auf diese Weise soll ein Prisma der Geschichte der arabischen Intellektuellen entstehen, das neue Perspektiven auf die Besonderheiten der Wahrnehmung des Holocaust in der arabischen Welt zulässt“ (S. 23). Der zweite Teil ist dem Autor  gut gelungen. Aber den originellen Ansatz als ein Erklärungsmodell für Holocaustleugnung anführen zu wollen, ist allenfalls naiv, wenn nicht ein weiterer Fall von Verharmlosung.

Toynbee „hielt das Vorgehen der Zionisten (…) für moralisch verwerflicher als das der Nationalsozialisten“ (S. 167) und verschaffte sich mit öffentlichen Aussagen solcher Art Respekt in der arabischen Welt. Rodinson und Sartre, die auf unterschiedliche Weise den Kolonialismus der Briten und Franzosen in der arabischen Welt kritisierten, aber auch Verständnis für das Leiden der Juden im Holocaust zu wecken versuchten, wurden einseitig zitiert. Als Sartre sich nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 gar für den Staat Israel einsetzte, war damit dem Wohlwollen seiner arabischen Leser ein jähes Ende gesetzt.

So wird in diesem lehrreichen Buch deutlich, wie der wachsende Antisemitismus in den beschriebenen arabischen Intellektuellenkreisen die Rezeption europäischer Denker beeinflusst hat. Es gibt keinen Anlass zu der Annahme, dass es umgekehrt gewesen sein könnte. So leistet Kamils Buch durch die neue Perspektive und die Übersetzungsarbeit aus dem Arabischen einen wertvollen Beitrag, ist hinsichtlich der Schlussfolgerungen jedoch mit Vorsicht zu genießen.

 

Omar Kamil

Der Holocaust im arabischen Gedächtnis. Eine Diskursgeschichte 1945 -1967

237 Seiten

Vandenhoeck & Ruprecht

ISBN: 978-3525369937

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