Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust (rez. Jun. 2012)

veröffentlicht bei achgut

Gilbert Achcars Buch „Die Araber und der Holocaust“, das 2009 ursprünglich auf Französisch erschienen ist, ist nach der arabischen und der englischen Übersetzung nun auch auf Deutsch erhältlich. Achcar ist Professor für Entwicklungsstudien und internationale Beziehungen an der School of Oriental and African Studies in London. Sein Buch ist der Versuch einer Ehrenrettung der arabischen Nationen vor dem Vorwurf des kollektiven Antisemitismus. Die Pressestimmen dazu überbieten sich gegenseitig in ihrem Lob.

Der Autor will einen differenzierten Blick auf die arabische Rezeption des Holocaust vermitteln. Er behandelt dazu zwei große Zeitabschnitte: „Die Zeit der Shoah“ und „Die Zeit der Nakba“, was sinngemäß jeweils „Die Zeit der Katastrophe“ bedeutet. Damit deutet sich bereits eine Problematik an: Die Verhältnisbestimmung von Holocaust und Staatsgründung Israels. Im Holocaust sieht Achcar das einzige und obendrein heftig missbrauchte Argument für die Staatsgründung (243 u.a.) sowie für den „deutschen Philosemitismus“ (266). Dabei übergeht er andere wichtige Gründe für die Unterstützung der israelischen Anliegen. Er geht davon aus, dass die Staatsgründung unrechtmäßig erfolgt sei (138, 153). Deswegen war aus seiner Sicht auch jeder Verteidigungskrieg dieses Staates illegitim (34f). Israel sei ein „kolonialer Siedlerstaat europäischen Ursprungs“ (32). Außerdem sieht Achcar in den Juden kein Volk, sondern eine Religionsgemeinschaft. Sie hätten zwar eine Art nationale Identität entwickelt, könnten aber ähnlich wie Christen und Muslime kein Land beanspruchen (265). Die Vorstellung von einer „Einstaatenlösung“, die der Autor zu präferieren scheint, mit einer jüdischen Minderheit, die unbehelligt unter arabischer Herrschaft lebt, ist im besten Fall eine naive Utopie.

Achcar gibt an, denjenigen zu widersprechen, die aus der Geschichte einen immer dagewesenen, unabänderlichen arabischen bzw. islamischen Antisemitismus konstruiert hätten und die Araber heute insgesamt als Antisemiten und Nazis abstempeln würden. Er gibt eine Fülle von Quellen an und kann vielleicht jenen den Wind aus den Segeln nehmen, die alle Araber als prädestinierte Nazikollaborateure darstellen. Kritikwürdig ist dabei die geflissentliche Vernachlässigung der Beschreibung der aktuellen Zustände in der arabischen Welt. „Hauptthema ist schließlich die historische Beziehung der Araber zum Holocaust, als er stattfand, weniger ihre aktuelle Beziehung zur historischen Erinnerung an die Shoah“ (169). Man kann aus der Lektüre die Erkenntnis mitnehmen, dass zur Zeit des Zweiten Weltkrieges die meisten Araber nicht mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung einverstanden waren, was aber kaum jemand angezweifelt hat. Wer von der gleichzeitigen Zusammenarbeit einiger hochrangiger Araber mit dem Naziregime nichts wusste, wird darüber ebenfalls umfassend informiert, selbst wenn Achcar viele Fakten nur nennt, um sie anschließend zu relativieren.

Erschwerend für eine Kritik ist, dass der Autor seine Meinung häufig nicht mit eigenen Worten kundtut, sondern ganz im Sinne postmodernen Stils weitgehend unkommentiert Zitate aneinanderreiht, die Rückschlüsse auf seine Sicht zulassen. Meint er tatsächlich, dass Palästina als Ort für die Staatsgründung Israels lediglich ein zufällig da herumschwimmendes „Floß“ war (26) und dass Israel vor dem Sechs-Tage-Krieg 1967 „kaum in ernster Gefahr“ (219) war? Zumindest behauptet er mit Nachdruck, dass „manche Juden“ sich 1948 in Palästina gänzlich zu Unrecht „von der Vernichtung“ bedroht gefühlt hätten (178) und dass Israel damals „allein“ für die „Gewalt verantwortlich“ gewesen sei (234f). Auch hier handelt es sich um ein Zitat, das er aber ausdrücklich bejaht.

Zudem formuliert Achcar seine Aussagen oft als Fragen und negativ, wodurch ihre Essenz vernebelt wird: „Warum ist es weniger schockierend, wenn man eroberte Völker, die besetzt, entwurzelt und zu Flüchtlingen gemacht wurden, mit den Nazis vergleicht, als wenn man eine Besatzungsarmee, die Gebiete von vier Nachbarländern erobert hat, mit diesem Vergleich belegt?“ (223). Man denke sich den Satz im Umkehrschluss. „Oder was ist über jene Araber zu sagen, die den Holocaust aus lauter Wut oder einer Art hilfloser Aufschneiderei leugnen, um so ihre innere Spannung loszuwerden, erzeugt durch einen ‚jüdischen Staat‘, der sie aus einer überwältigenden Überlegenheitsposition heraus erdrückt?“ (262).

Achcars Forschungsgegenstand ist aber nicht die Holocaustleugnung des ein oder anderen Palästinensers, sondern „der Araber“ (die es natürlich „nicht gibt“ (39), zumindest nicht als Antisemiten, wohl aber als Betroffene des Holocaust und der jüdischen Immigration nach Palästina (11)). Die Araber will er in vier politische Hauptströmungen unterteilt wissen. Bei deren Aufzählung fragt man sich unwillkürlich, ob die Reihenfolge als Rangordnung gedacht ist: 1. Westlich orientierte Liberale, 2. Marxisten, 3. Nationalisten, 4. Reaktionäre und/oder fundamentalistische Panislamisten (40). Erst sehr viel später und in einem Nebensatz in anderem Zusammenhang werden die Marxisten als das bezeichnet, was sie waren: eine „winzige Minderheitenströmung“ (82). Wie selbstverständlich scheint Achcar davon auszugehen, dass Antisemitismus in der ersten Gruppe keine große Rolle spielte. Dabei erwähnt er nicht, dass beispielsweise al-Aqqad, der zu den großen Liberalen zählt (103) und sich kritisch zum Hitlerregime geäußert hatte, ein wohlwollendes Vorwort zu at-Tunisis arabischer Übersetzung der Protokolle der Weisen von Zion von 1951 geschrieben hat. Bildung, „Aufklärung“ und Antisemitismus schließen sich damals wie heute nicht aus.

Den flächendeckenden Antisemitismus in der arabischen Welt verharmlost Achcar mal als Spannungsventil, mal als Antiimperialismus (188f), dann als Provokation (254, Ahmadinedschad), als bloße Reaktion (255f) und als Bildungslücke (247, 261). Nassers Antisemitismus tut er als „Ignoranz“ ab (195f), dessen Holocaustleugnung als ein Versehen (207). Ahmad Hussein, Gründer und Anführer der Bewegung „Junges Ägypten“, disqualifiziert sich als ernstzunehmender Antisemit laut Achcars Darlegung durch seine politische Sprunghaftigkeit (81). Auch al-Gaylani, Ministerpräsident des Königreichs Irak und glühender Bewunderer der Nazis, wird als Antisemit wider Willen vorgestellt. Die „Arroganz Londons“ sei „für Gaylanis Radikalisierung verantwortlich“ gewesen, und somit wäre er „im eigentlichen Sinne kein Anhänger Hitlerdeutschlands“ (90). Den Relativierungen und Verdrehungen scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Die Ernennung von Hajj Amin al-Husseini, der sich wie kein anderer Araber aktiv in die „Endlösung der Judenfrage“ eingebracht hat, zum Mufti Jerusalems, sei für die zionistische Bewegung ein „unschätzbarer Dienst“ gewesen (129). Zudem habe er mit der Mobilisierung von 200 000 Muslimen für den „Kampf der Achsenmächte“ und anderen Tätigkeiten weit weniger erreicht, als er sich vorgenommen hatte (144). Achcar bringt es fertig, umfassendes Material über die Machenschaften des Muftis zusammenzutragen und ihn hernach als „unbedeutend“ hinzustellen und das „Bedürfnis“ „zahlreicher Autoren“ zu bemängeln, „den Mufti (…) zu verunglimpfen“ (148). Gleichzeitig schreibt Achcar ihm aber selbst so viel Einfluss zu, dass dieser als „religiöse Autorität“ mit seinen Radioreden und seiner eigenwilligen Auslegung des Islam „ein jahrhundertealtes Erbe der Koexistenz zunichte“ gemacht habe (150f).

Als unbedeutend beschreibt Achcar auch die zahlreichen deutschen Nationalsozialisten, die nach 1945 in der arabischen Welt, besonders in Ägypten, ihre politischen Karrieren fortgesetzt haben (201).

Überhaupt seien – und das ist die Kernthese des Buches – am arabischen Antisemitismus vor allem die Juden schuld: „Im Gegensatz dazu sind die antisemitischen Äußerungen, die heutzutage aus der arabischen Welt kommen, meist kultureller Rückständigkeit geschuldete Phantastereien, in denen sich die tiefe Frustration einer unterdrückten Nation äußert. Die Verantwortung dafür ist in der Tat der Mehrheit ‚der Juden‘ Palästinas und später dem ‚jüdischen Staat‘ Israel zuzuschreiben, den diese begründet haben“ (242).

Was „Antisemitismus“ versus „Antizionismus“ betrifft, unterscheidet Achcar sogar zwischen der antisemitischen und der antizionistischen (also legitimeren, weil „nichtrassistischen“) Lesart der Protokolle der Weisen von Zion (197f). Nun ist aber die Propagierung einer zionistischen Weltverschwörung nicht weniger antisemitisch als die einer jüdischen. Der Antisemitismus von „kulturell rückständigen“ und „unterdrückten“ Menschen ist nicht weniger mörderisch als der von privilegierten. Und Achcar beantwortet nicht die Frage, inwiefern antisemitische Propaganda in Algerien, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder bei arabischen Migranten in Europa – durch alle Bevölkerungsschichten hindurch – mit Ohnmachtsgefühlen gegenüber den Israelis zusammenhängen soll. Dabei weiß er sehr wohl, dass man unterscheiden kann zwischen einem Ressentiment, das der Feindbildgenese in einem realen Konflikt entspringt, und einem, das das Ergebnis gezielter Propaganda ist. Obwohl bekanntlich in den arabischen, nicht den israelischen Schulbüchern offen Hetze betrieben wird, legt der Autor die Betonung auf die israelische Verantwortung (er zitiert Akiva Eldar, die wiederum Bar-Tal zitiert): „Bar Tal betont, dass die israelische Realitätswahrnehmung auch durch die palästinensische Gewalt gegenüber israelischen Bürgern geprägt wurde, in erster Linie aber durch die jahrelange Indoktrinierung auf der Grundlage von Unwissenheit, die dadurch immer weiter aufrechterhalten wird“ (273).

Achcars Buch ist ungeeignet, wenn man sich über den Antisemitismus in der arabischen Welt und das dortige Phänomen der Holocaustleugnung informieren möchte. Es ist ein Beispiel für intellektuelle Verweigerung gegenüber den Gründen für die eingefahrene Lage, auch wenn er die Araber sehr wohl zur Selbstkritik mahnt (279). Auf dem Gipfel der Geschmacklosigkeit unterstellt Achcar dem Middle East Media Research Institute (MEMRI), das in einer Sammlung von Zitaten, Karikaturen und Videos das Ausmaß des arabischen Antisemitismus abzubilden versucht, „Genugtuung“ bei der Arbeit. Als weitere Beispiele für „antiarabische“ Agitatoren nennt er Meir Litvak und Esther Webman, Yehoshafat Harkabi und Matthias Küntzel. Sie alle sind Autoren, die ganz sicher nicht zu den antiislamischen Polemikern zählen und hier wärmstens empfohlen seien, (auch wenn sie, wie Achcar bemängelt, „kein Arabisch“ können (164)). Ein Leser, der Harkabi, Küntzel und Achcar nebeneinander liest und sich ein bisschen bei MEMRI über den alltäglichen Wahnsinn des arabischen Antisemitismus informiert, kann sich selbst ein realistisches Bild machen. Neben den Beispielen, die hier exemplarisch vorgestellt wurden, finden sich bei Achcar durchaus auch lesenswerte Informationen in bekömmlicher, professioneller Aufbereitung. Aber es sind diese Zitate und seine selektive Wahrnehmung, derentwegen ich das Buch als irreleitend und einer fairen Beurteilung des Konflikts abträglich bezeichne und nicht weiterempfehle.

Gilbert Achcar

Die Araber und der Holocaust

Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen

Edition Nautilus, Hamburg 2012

368 Seiten

ISBN 978-3-89401-758-3

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