Zum Thema der Arbeit

Der eine oder andere mag direkt oder indirekt schon einmal mit dem Thema konfrontiert worden sein. Manche sind vielleicht von einem freundlichen Araber mit einem begeisterten „Heil Hitler“ begrüßt worden. Andere mögen den Artikel in der FAZ über die Verlautbarungen einer ägyptischen Tageszeitung gelesen haben: Der israelische Geheimdienst hätte in den arabischen Staaten einen Kaugummi in Umlauf gebracht, dessen Inhaltsstoffe sich derart zersetzend auf das Sexualverhalten der Araber auswirken würden, dass dadurch die Geburtenrate gesenkt und das arabische Volk dezimiert werden solle. Auch wurde in der WELT ONLINE berichtet, dass in Kairo das Gerücht kursiere, die Israelis würden Gürtel nach Ägypten exportieren, von denen man impotent würde.

Das sind leider keine Randerscheinungen. Millionen von Menschen glauben tatsächlich daran, dass „die Juden“ sich einem Plan zur Unterjochung der ganzen Welt verpflichtet fühlten. Diese „Theorie“ wird von Staatsoberhäuptern vertreten, von Wissenschaftlern gestützt und von den Medien verbreitet.

Bei den Protokollen der Weisen von Zion handelt es sich um ein Pamphlet, das Ende des 19. Jahrhunderts im Wirkungskreis der russischen Geheimpolizei Ochrana in Paris entstanden ist. In 24 Protokollen wurde den Juden, die sich angeblich nachts auf einem Friedhof getroffen hätten, ein detailierter Plan zu Erringung der Weltherrschaft in den Mund gelegt. Bereits Anfang der dreißiger Jahre wurde in Gerichtsprozessen in der Schweiz und in Südafrika die Entstehung der Protokolle nachvollzogen, und es ist eindeutig belegt, dass es sich dabei um ein erfundenes Instrument zur Legitimation antijüdischer Politik handelt. Dessen ungeachtet entwickelte sich das Schriftstück zu einem Standardwerk des modernen Antisemitismus und ist es bis heute geblieben. Adolf Hitler berief sich in Mein Kampf ausdrücklich auf die Protokolle, so wie es die Hamas in Artikel 32 ihrer Gründungs-Charta tut: Die Protokolle dienen als „Beweis“ für angebliche Weltherrschaftspläne des jüdischen Volkes und als Stütze für die Behauptung, dass ein Friede mit Israel unter keinen Umständen erstrebenswert sei. Bei Verfechtern dieser These wird jede Friedensinitiative, gleich von wem sie kommt, als Politik der Verschleierung von oder Kollaboration mit den jüdischen Konspiranten interpretiert. Ein beträchtlicher Teil der Vehemenz, mit der der Kampf gegen Israel geführt und der Antisemitismus geschürt wird, gründet sich auf diese verschwörungstheoretischen Denkmuster, die im Weltbild der arabischen Nationen fest verankert sind und den politischen Diskurs maßgeblich mitbestimmen. Denn aus den Protokollen lässt sich ableiten, dass die Juden nicht nur hinter der Französischen Revolution und der Oktoberrevolution, hinter beiden Weltkriegen und dem Holocaust und hinter jeder anderen kriegerischen Auseinandersetzung gestanden hätten, sondern dass sie auch Naturkatastrophen herbeiführten und für die Wirtschaftskrise und die Schweinegrippe verantwortlich seien.

Deshalb war es wichtig, die Rezeption der Protokolle zu dokumentieren, und zwar sowohl hinsichtlich ihrer Quantität und Präsenz als auch hinsichtlich ihrer Akzeptanz und Bewertung in der arabischen Welt. Bei der Auswertung des arabischsprachigen Materials wurde deutlich, dass ein ganz eigener Zweig von Pseudowissenschaft allein damit beschäftigt ist, die „Echtheit“ der Protokolle zu „beweisen“ und ihren Inhalt auf die Ereignisse in Geschichte und Gegenwart anzuwenden. Dieses kaum beachtete Phänomen spielt im arabischen Diskurs um den Nahostkonflikt eine Schlüsselrolle, sowohl von religiöser als auch von politischer Warte aus.

Die Ergebnisse verdeutlichen, in welcher Weise sich der Antisemitismus in der arabischen Welt verselbständigt hat und unabhängig von der Politik Israels existiert. Auch für weitere, interdisziplinäre Forschung soll die Arbeit einen Anstoß bieten, denn die Thematik wirft interessante Fragen auf, die in die Bereiche von Politologie, Soziologie und Psychologie fallen.

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