Tagesschau und der Iran

Im November 2011 brachte tagesschau.de ein gar nicht mal schlechtes Interview mit Dr. Henning Riecke zum IAEA-Bericht und den iranischen Bombenbaubestrebungen. Darin die Aussage: „Äußerungen wie das oft beschworene ‚Israel muss von der Landkarte getilgt werden‘ kann man so interpretieren, dass der Iran Israel mit Atomwaffen treffen will. Dieses Gefühl der Bedrohung, das in Israel herrscht, muss man unbedingt ernst nehmen.“ Tagesschau.de meinte, das in einem extra Kasten erklären und korrigieren zu müssen, und erzählte die alte Mär vom Übersetzungsfehler. Dieser Irrglaube hält sich penetrant in den Köpfen der Menschen, weil es bequem ist, zu glauben, dass es nie Vernichtungsdrohungen gegeben habe, und weil „seriöse“ Medien diesen Quatsch Jahre später immer noch verbreiten. Nur hat die iranische Führung ihre Drohungen nach dem vermeintlichen Übersetzungsdesaster aus dem Jahr 2005 ununterbrochen wiederholt und in englischsprachigen Verlautbarungen selbst die Übersetzung „Israel should be wiped out of the face of the world“ autorisiert. Mehr dazu bei Joshua Teitelbaum: Die iranische Führung in ihren eigenen Worten über die Vernichtung Israels: Ein Plädoyer gegen apologetische Kampagnen zur Entschuldung des Aufrufs zum Völkermord.

Ein weiteres, anschauliches Beispiel für die Unterschlagung von Informationen, die nicht ins Bild passen: Der Bericht über die US-Drohne, die der Iran im Dezember 2011 in seinen Besitz gebracht hat. Im iranischen Fernsehen wurde die Drohne gezeigt, umgeben von Bannern mit vielsagenden Aufschriften, von denen tagesschau.de aber nur die harmloseste für die Leser übersetzt hat: „Amerika kann [uns] gar nichts/einen Dreck“. Das ist das Banner links unten. Rechts steht: Ma Amrika ra zirpa migodharim: „Wir besiegen Amerika (wörtlicher: wir kriegen Amerika unter unsere Füße)“. Auf dem Plakat, das über der Drohne hängt und das tagesschau.de groß im Titelbild bringt, steht das Übliche: „Tod Amerika, Tod Israel, Tod England“. Das kann man nicht anders übersetzen und auch nur schwer interpretieren. Warum ist es so unverständlich, dass solche Todeswünsche auf offiziellen Plakaten Besorgnis von Seiten Israels und Spionageflugzeuge aus den USA hervorrufen?
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Freiheitskämpfer im Balata-Camp

Mitte Mai 2010, parallel zu den Feierlichkeiten zur Staatsgründung Israels, besuchte Richard C. Schneider das Balata Flüchlingscamp. Er zeigte die Bilder einiger „Märtyrer“ und erklärte den Zuschauern: „Das sind sogenannte Shahid, Märtyrer. Das sind junge Leute, die während der Intifadas im Kampf gegen Israel gefallen sind. Teilweise Leute, die zu den al-Aqsa-Märtyrer Brigaden gehörten, teilweise zum Islamischen Djhad oder zur Hamas. Und hier wird dieser getöteten jungen Palästinenser mit solchen Bildern gedacht.“ Googelt man die abgebildeten, angeblichen Intifada-Kämpfer auf Arabisch, stellt sich heraus, dass diejenigen, über die sich etwas herausfinden lässt,  am 30.9.2005 gestorben sind. Die zweite Intifada gilt seit Februar 2005 als abgeschlossen. Am 12.09.2005 hatten die letzten israelischen Soldaten Gaza verlassen. Welchen Grund sollen diese Männer gehabt haben, gerade in dieser Zeit im Westjordanland eine abgeschlossene Intifada fortzuführen? Herr Schneider stellt diese Fragen nicht. Der, auf dessen Plakat auch Arafat abgebildet ist, heißt Jamal Ibrahim al-Jarami, war 20 Jahre alt und starb in Nablus (oder kam daher?), als Todesursache bzw. Art der Verletzungen steht da „ganzer Körper“. Der andere heißt ‚Ala` Yusuf al-Tirawi, ebenfalls 30.9.2005, Nablus, „Brust und Bauch“… (die Infos sind von www.aqsaa.com, einer arabischen Seite).

Die Architektur in dem „Camp“ (natürlich Massivbauten und keine Zelte) wird als besonders unzumutbar dargestellt, enge Gassen, ganz kleine Fenster, und das bei der Hitze! Außerdem gäbe es für 25.000 Leute in dem Camp nur einen Wasserhahn (für den sich aber zur Zeit des Drehs niemand zu interessieren scheint). Wer schon einmal in einer beliebigen arabischen Stadt war, weiß: In sozial vergleichbaren Vierteln überall in der arabischen Welt sieht es genauso aus. Und selbst betuchte Familien bauen klassisch nach außen hoch und dabei oft sogar gänzlich ohne Fenster, eben einbruchsicher. Die Frau sonnt sich im Innenhof, denn draußen darf sie das ja nicht. Im Balata „Camp“ wird das trotz aller tatsächlicher Armut nicht anders sein. Und dass sie dort die europäischen DIN-Normen für Verkabelungen und Hygienestandarts nicht erfüllen, ist auch nicht den armen Unterdrückten vorbehalten. Wo außer in den jeweiligen Regierungsvierteln ist das denn anders?

Ich habe das Video bei der Suche nicht mehr gefunden. Auch da, wo die Videoblogs „Zwischen Mittelmeer und Jordan“ gesammelt sind, findet man es nicht. Oder war das außerhalb des Blogs? Wenn es jemand findet, kann er mir Bescheid sagen, damit ich es verlinken kann.

Apropos: Das Land zwischen Mittelmeer und Jordan: Wenn man wollte, könnte man es auch „Israel“ nennen.

Israel in den Medien

Laut dem Antisemitismusbericht, den das Bundesministerium des Innern 2009 in Auftrag gegeben hatte, sind rund 20% der Deutschen zumindest latent antisemitisch eingestellt. Oft äußert sich dieser Antisemitismus in überzogener „Israelkritik“, zu der man meint in besonderer Weise berechtigt und verpflichtet zu sein. Und nein, das Expertenteam hat den Antisemitimusbegriff sicher nicht zu weit gefasst. Vielmehr ist es grotesk zu sehen, was laut den Experten alles nicht antisemitisch ist. Auch die Aussage „man müsse die ‚Judenkapitalisten‘ aufhängen, niedertreten und zertrampeln“ von linker Seite (Ruth Fischer, KPD, 1923) sei NICHT antisemitisch (S.24). Denn Fischer nahm „selbst keine antisemitischen Positionen ein, sie bediente sich ihrer aber in agitatorischer Absicht.“ Wenn also all diejenigen, die zwar antisemitisch agieren, dabei aber selbst keine antisemitischen Positionen einnehmen, herausgerechnet werden, und immer noch bei 20% der Deutschen antisemitische Haltungen festgestellt werden, dann sieht es düster aus. Ein regelmäßiger Blick in die Israelberichterstattung deutscher Mainstreammedien kann diesen Zustand erklären helfen.

Hier geht’s zum Antisemitismusbericht.

Platznot in Gaza

Die Moderatorin erläutert die Schwierigkeiten der Palästinenser auf dem Weg zur Erfüllung ihres Traumes vom eigenen Staat und spricht über die Grezen eines möglichen Palästina. „Der Gazastreifen. Hier leben rund 1,5 Millionen Menschen, obwohl diese kleine Fläche nicht mal halb so groß ist wie HAMBURG!“

Sofort sehen wir vor unserem inneren Auge die humanitäre Katastrophe in Gaza: 1,5 Millionen Menschen wie Sardinen auf ein halbes Hamburg gequetscht. Hamburg bringt 1,8 Mio. Einwohner auf 755 km² unter. Gaza hat 360 km²,  womit ein Hamburger ungefähr doppelt so viel Platz hat wie ein Mensch im Gazastreifen. Nur: Welche arabische Stadt will man denn mit Hamburg vergleichen? In Kairo leben 8 Mio. Menschen auf 214 km². Ein Mensch in Gaza hat demnach neun mal so viel Platz wie ein Einwohner Kairos.

tagesschau.de, 13.09.11.