Kontakt

Um mit mir in Kontakt zu treten, schreiben Sie mir am besten eine Email. Ich werde Ihnen schnellstmöglich antworten.

carmen.matussek[at]web.de

Meine Handynummer finden Sie hier.

 

Holocaustleugnung und die Ursprünge des Antisemitismus

„Antisemitismus ist der Kampf gegen den Gott Abrahams, der der Gott der Geschichte ist,“ sagt Prof. David Patterson, der in seinem Vortrag über „Holocaustleugnung und die Ursprünge des Antisemitismus“ auf einer internationalen Konferenz unbeirrt Klartext redet, während viele seiner Kollegen mit verschränkten Armen dasitzen und ihre Gesichter die ganze Bandbreite von tolerantem Unverständnis bis Mitleid widerspiegeln: Gott kann Gegenstand akademischer Diskussionen sein, aber doch nicht Grundlage einer wissenschaftlichen Definition! Und während viele im Holocaust eine willkommene Bestätigung dafür sehen, dass es diesen liebenden Gott der Juden nicht geben kann, sieht Patterson darin einen Beweis für dessen Existenz. Denn der Holocaust war die Konsequenz eines großen Vernichtungsfeldzuges des aufgeklärten Menschen gegen Gott.

In seinem Buch „Wrestling with the Angel“ beschreibt Patterson, wie sich die einzelnen Merkmale der systematischen Vernichtung jüdischen Lebens aus der Offensive gegen den Namen Gottes, gegen HaShem, ergeben haben. Er beginnt mit der Bedeutung des Namens einer Person, der nach jüdischer Tradition mehr ist als nur eine von den Eltern erdachte Bezeichnung für einen weiteren unter sieben Milliarden Menschen. Vielmehr ist der Name ein von Gott inspirierter Teil der Person, ein Teil seiner Seele. Dieser Teil wurde den Juden in Auschwitz genommen, und zwar auch denen, die überlebt haben. „Wenn die Nummer den Namen ersetzt, wird damit nicht nur ein Wort verdrängt, sondern gleichzeitig die Heiligkeit und die Menschlichkeit, die mit diesem Wort verbunden ist. Die Nummer auf den Körper zu schreiben – nein, sie in den Körper zu treiben, unter die Haut, unauslöschlich in das Innere des Körpers –, ist der erste Schritt dazu, den Körper von seiner Seele zu entleeren, die das göttliche Abbild des einen Namens ist, von HaShem.“

Immer wieder wurde die Frage gestellt, wie der Holocaust nach der Aufklärung in einer hoch entwickelten, zivilisierten Gesellschaft hatte stattfinden können, nachdem er von gebildeten Menschen erdacht und beschlossen worden war. Für David Patterson liegt die Antwort in der Natur der Sache: Der Holocaust war nicht trotz, sondern wegen der Aufklärung möglich.

In der Moderne und Postmoderne wird das Ziel verfolgt, das Denken – das im Sinne Descartes mit Sein gleichgesetzt wird – von allem Göttlichen und Absoluten zu reinigen. So verkommt der Mensch zum Zugehörigen einer Spezies unter vielen anderen. Der Einzelne ist dann nicht mehr ein einzigartiges Geschöpf Gottes, sondern ein evolutionäres Zufallsprodukt ohne besonderen Wert. In diesem Bild stören die Juden als Zeugen des göttlichen Heilsplans, als Träger der Verheißungen, Bewahrer des Gesetzes und Licht unter den Nationen. „Jegliche Hinwendung zum Gott Moses und seinen Geboten wird nicht nur als abergläubisch, sondern als gefährlich betrachtet, denn, so die Vermutung, mit der Schrift könne man alle möglichen Verbrechen rechtfertigen, die vor dem Hohen Gericht der Vernunft nicht zu rechtfertigen sind.“ Dabei waren die größten Massenmörder des 20. Jahrhunderts mitnichten Anhänger des einen Gottes: „Stalin, Hitler und Mao (…) kamen nicht von Ungefähr. Durchtränkt von bestimmten Weltanschauungen und Menschenbildern entsprangen sie dem Prozess, Gott aus dem Bild wegzudenken, einem Prozess, der auf die europäische Aufklärung zurückzuführen ist.“ Es sei kein Zufall, so wird Rabbi Jonathan Sacks zitiert, dass die großen Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts – Voltaire, Kant, Hegel, Schopenhauer und Nietzsche – das Judentum immer wieder scharf verurteilt hätten. Es widersprach ihrer gottfernen Weltanschauung, der Abschaffung absoluter Werte. Patterson zeigt anhand vieler Beispiele, wie diese Philosophien den Weg zur Vernichtung jüdischen Lebens bereiten.

Die Nazis haben mit der Art und Weise, wie sie die Juden verfolgt und ermordet haben, göttliche Attribute angegriffen, indem sie systematisch den Namen, die Seele, den Glauben, die Nächstenliebe, das Leben und sogar das Sterben entheiligt haben. Unweigerlich haben sie damit auch in sich selbst das Heilige getötet. „Die Nazis waren unfähig, sich zu schämen, und mit Stolz begingen sie ihre Grausamkeiten in der Öffentlichkeit. Darin verbindet sich ihr Angriff gegen das Heilige im Menschen mit der Schändung ihrer eigenen Menschlichkeit.“

Zunächst richtete sich die nationalsozialistische Zerstörungswut gegen Gebäude und rituelle Gegenstände. Bekannt sind die Bilder von brennenden Synagogen, von orthodoxen Juden, denen man auf offener Straße den Bart und die Schläfenlocken abschnitt, von geschändeten Thorarollen und von Gebetsschals, mit denen jüdische Häftlinge später die Fußböden reinigen mussten. Gott sollte schließlich mit all seinen Treueerweisen, mit seinem Gesetz und seinem Volk aus dem deutschen Reich verschwinden. Das „Wegdenken“ Gottes begann, praktisch zu werden, mit Auswirkungen bis in die Details zwischenmenschlicher Beziehungen. „Gott wird nicht nur als Gesetzgeber und Erlöser bedeutungslos, sondern auch als Lehrer und Vater. Wenn wir aber die Vaterschaft Gottes verlieren, verlieren wir auch die Bruderschaft der Menschen untereinander.“ Beziehungen bis zur Unkenntlichkeit zu zerstören und Menschen voneinander und von Gott zu isolieren, war fester Bestandteil der Todesmaschinerie. „Wenn bei der Ankunft in Birkenau die Mütter nach links und ihre Kinder nach rechts geschickt wurden, wurde damit nicht nur ein Transport in zwei Gruppen geteilt, von denen eine zum Sterben verurteilt war und die andere noch nicht; vielmehr wurde der Bund selbst in Stücke gehauen und eine Wunde in das Herz der Schöpfung gerissen.“ Geschichten, die nur schwer zu lesen und noch schwerer schriftlich wiederzugeben sind, zeugen von der unendlichen Grausamkeit, mit der Eltern dazu gezwungen wurden, ihre Kinder nicht nur sterben zu sehen, sondern sie selbst zu töten. Auch und gerade in dem Menschen, der noch lebte, starb so die Menschlichkeit, die Seele, das Gewissen, das Gefühl für den eigenen Wert und den Wert des Lebens, der Glaube an Gott. Gott selbst sollte sterben, und mit ihm die Offenbarung des göttlichen Wesens im Menschen – der Mensch, der im Bilde Gottes geschaffen ist, und das Volk, aus dem das Heil für alle Menschen kommt.

Die genannte „Bedeutungslosigkeit“ Gottes entspringt den zentralen Grundsätzen der aufgeklärten Denker, in deren postmodernen Auswüchsen letztlich alles in Frage gestellt wird und seine Bedeutung verliert. Während die Modernisten die Zusammengehörigkeit von Wort und Bedeutung noch als problematisch bezeichnet hätten, so Patterson, seien die Postmodernisten dazu übergegangen, diese Verbindung gänzlich zu leugnen. Selbst die postmoderne Holocaustforschung werde zunehmend bedeutungsleer, gar „judenrein“. Denn die Juden werden im Zuge dieser Forschung zu einer Opfergruppe unter vielen, die kaum noch werterachtet wird, beim Namen genannt zu werden, genauso wie der Holocaust als ein Völkermord unter vielen behandelt wird.

So werden den Juden bis heute ihr Name und ihre Geschichte streitig gemacht. Deswegen liegt es auch in der Verantwortung der heutigen Generationen, die Geschichten zu hören und die Namen nicht zu vergessen. Diejenigen Überlebenden, die in den Jahrzehnten nach dem Holocaust über ihre traumatischen Erlebnisse sprechen wollten, fanden meist niemanden, der ihnen zuhörte. Sie sprachen, aber man glaubte ihnen nicht. Also schwiegen sie. Sie blieben isoliert. David Patterson stellt die Frage an seine Leser: „Sollen auch wir uns weigern zuzuhören und diesen Zeugen damit ihre Befreiung verweigern? (…) Es ist nicht so, dass man nicht zuhören kann und nicht fähig ist zu glauben; viel häufiger ist es so, dass man nicht glauben will und sich fürchtet zuzuhören. (…) Wir, die wir ihre Worte vernehmen, haben auch Teil an ihrer Befreiung. Wenn wir unsere Ohren verschließen, verschließen wir ihnen auch den Weg zurück ins Leben.“

Für Juden nach dem Holocaust sei es existenziell notwendig, dem Wort seine Bedeutung wieder zuzuführen. Die Frage, die der Engel des Herrn Jakob bei seinem Kampf am Jabbok gestellt hat, war: „Wie lautet dein Name?“ Das Ergebnis dieses Kampfes war ein neuer Name und gleichzeitig ein Segen für die ganze Welt: Israel. David Patterson ermutigt dazu, den Kampf um den Namen und den Segen Israels nicht aufzugeben.

 

Prof. David Patterson konvertierte 1990 zum Judentum. Er hat im Ackerman Center for Holocaust Studies an der University of Texas at Dallas den Hillel A. Feinberg Lehrstuhl für Holocauststudien inne.

 

David Patterson

Wrestling with the Angel

Toward a Jewish Understanding of the Nazi Assault on the Name

2006

ISBN: 978-1557788450

Antisemitismuskonferenz Jerusalem 2015

Bei der Eröffnungsveranstaltung der fünften internationalen Antisemitismuskonferenz des israelischen Außenministeriums in Jerusalem, dem „Global Forum for Combating Antisemitism“, waren 1200 Menschen aus 80 Ländern zusammengekommen. Das war eine Rekordzahl für die Veranstaltung, die laut der israelischen Botschaft in Berlin das „weltweit wichtigste Forum zur Analyse antisemitischer Strömungen auf der ganzen Welt und für die Entwicklung von Gegenstrategien“ ist.

Es hat traurige und alarmierende Gründe, warum sich so viele Vertreter aus Politik, Gesellschaft, Religion und Wissenschaft auf den Weg gemacht haben: Der weltweite Hass auf die Juden und ihren Staat hat in den zwei Jahren seit der letzten Konferenz dramatisch zugenommen. Immer wieder wurden in diesem Zeitraum Menschen auf offener Straße mitten in Europa ermordet, weil sie Juden waren. Ein gewaltiger Exodus hat eingesetzt. Zu Tausenden verlassen die Juden Frankreich, Ungarn, Schweden und Belgien. Viele von ihnen gehen nach Israel, trotz der Schreckensmeldungen, die man von dort über neue Formen des palästinensischen Terrorismus hört – unvorhersehbare Attacken mit Messern und PKWs.

In der Auswanderung beziehungsweise Flucht vieler Juden nach Israel sehen viele eine Erfüllung biblischer Verheißungen, aber auch die Unfähigkeit europäischer Regierungen, ihre jüdische Bevölkerung vor den meist islamistischen Angriffen zu schützen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass man sich scheut, das Problem des islamischen Antisemitismus klar beim Namen zu nennen. Vielleicht sind sogar die Organisatoren der Konferenz davor zurückgeschreckt. Als Schwerpunkte waren im Vorfeld zwei Themen formuliert worden: Antisemitismus im Internet und der Anstieg von Antisemitismus in Europas Städten. Spätestens, als am dritten Tag die Ergebnisse der verschiedenen Arbeitsgruppen präsentiert wurden, wurde jedoch deutlich, dass das eigentliche Schwerpunktthema, dass so gut wie alle anderen miteinander verbindet, der islamische Antisemitismus war. Ob an den Schulen und Universitäten, im Internet oder in Lateinamerika, beim Thema Antizionismus oder Holocaustleugnung: Überall sind es die Auswüchse islamistischer Bewegungen, die den Ton angeben. In Lateinamerika, besonders in Bolivien, Venezuela und Ecuador, baut sich der Iran eine Machtbasis auf. Dessen unverhohlener Vernichtungsantisemitismus wird hier wie bei den Atomverhandlungen geflissentlich ignoriert.

Die Ignoranz des Westens gegenüber islamischem Antisemitismus bereitete den Konferenzteilnehmern nicht weniger Sorge als der Mord und Terror gegen Juden im Namen des Islam selbst. In Europa gehen diese beiden Phänomene eine gefährliche Symbiose ein: Darin, dass drei Palästinenser 2014 einen Brandanschlag gegen die Synagoge in Wuppertal verübt hatten, konnte die Staatsanwaltschaft keinen Antisemitismus erkennen und verurteilte die drei zu geringen Bewährungsstrafen. So fürchten die Juden in Deutschland nicht nur gewalttätige Übergriffe, sondern auch das Unverständnis der deutschen Justiz. Der deutsche Justizminister Heiko Maas war bei der Konferenz anwesend und hielt am ersten Abend eine Rede, in der er die Bemühungen des Ministeriums bei der Aufarbeitung des Nationalsozialismus hervorhob: „Wir haben eine unabhängige wissenschaftliche Kommission eingesetzt, die untersuchen soll, wie das Justizministerium in den 1950er und 60er Jahren mit der Nazi-Vergangenheit umgegangen ist. Sie soll unter anderem klären, warum Deutschlands Justiz damals so viele Nazi-Verbrecher laufen ließ. Mein Ministerium hat dazu den Forschern sämtliche Akten geöffnet, auch Personalakten und geheime Dokumente. Wir wollen, dass die historische Wahrheit endlich ans Licht kommt, auch wenn wir wissen: Das Ergebnis wird nicht schmeichelhaft werden für die deutsche Justiz.“ Der Umgang mit islamischem Antisemitismus in der Gegenwart lässt diese Klarheit leider vermissen. Wären die Brandstifter deutsche Neonazis gewesen, wäre das Urteil vermutlich anders ausgefallen, auch wenn sie – wie die Palästinenser es getan haben – beteuert hätten, sie hätten nur gegen den Gaza-Krieg demonstrieren wollen – unter Alkoholeinfluss, versteht sich.

Erfreulicherweise waren unter den Teilnehmern in Jerusalem auch zahlreiche Muslime, darunter religiöse Amtsträger wie der französische Imam Hassen Chalghoumi, der ebenfalls ein härteres Vorgehen der europäischen Gerichte forderte, zum Beispiel gegen Hassprediger. Er lebt in Frankreich unter ständigem Personenschutz. Menschen wie er leisten unter Einsatz ihres Lebens einen bemerkenswerten Dienst. Gleichzeitig darf man sich nicht der Illusion hingeben, sie würden den eigentlichen Islam verkörpern, der von einigen wenigen Radikalen lediglich missbraucht würde. Vielmehr ist Hassen Chalghoumi eine der tapferen Einzelpersonen, die sich mit ihrer moderaten Lehre ganzen Staaten wie Saudi-Arabien und Iran entgegenstellen. Deswegen mahnte Professor Robert Wistrich von der Hebrew University zurecht an, dass das Problem trotz aller politischen Bedenken, einer Religion zu nahe zu treten, beim Namen genannt werden müsse, wenn es wirkungsvoll bekämpft werden soll. Gleichzeitig wies er aber auch einen Weg hinaus aus der Defensive zu einem selbstbewussten Vertreten jüdischer, israelischer Werte und Geschichtsschreibungen. „Wir haben noch einen weiten Weg vor uns“, sagte er, „aber eines Tages – da bin ich mir sicher – werden wir ein Licht für die Nationen sein.“

The Protocols of the Elders of Zion in the Arab world

The following article was first published in the ‚Israel Journal of Foreign Affairs‘, a publication of the Israel Council on Foreign Relations, which operates under the auspices of the World Jewish Congress

http://www.worldjewishcongress.org/en/news/14007/wjc_analysis_carmen_matussek_the_protocols_of_the_elders_of_zion_in_the_arab_world

07 October 2013

The Protocols of the Elders of Zion — what are they?

Whoever begins to explore the phenomenon of anti-Semitism soon encounters this most influential anti-Semitic fabrication of the last century. Anyone concerned about the big lie of a so-called Jewish global conspiracy knows about this pamphlet, which is said to be proof of the intrigues of “the Jews,” allegedly penned by the Jews themselves. But if one leaves the circle of the informed public, one does not have to go far afield to find people who have never heard of the Protocols — or who assess them in a totally different way.

Seventy years ago the Protocols were a bestseller in Germany. Today they are hardly remembered.

Section 130 of the German Criminal Code deems these writings inflammatory, so people abide by the rules, do not read the Protocols, and do not care. The booklet is not well known in political circles, churches, or universities.

Seemingly, the only ones who are familiar with it are a handful of anti-German left-wing activists, whose ideas a non-Marxist might not understand, but whose penetrating and profound statements concerning Israel are made loud and clear, even if they are often disregarded.

There is another place you can find the Protocols: at the annual Frankfurt Book Fair, delivered by the Iranians in English, or inside several mosques in Turkish or Arabic translation, as the Office for the Protection of the Constitution confirms.

The situation is similar in other parts of Europe. An Arabic edition of the Protocols (one of many), published in Egypt in 2002 by the large publishing house Akhbar al-Youm, contains a list of thirty-seven countries to which it is exported, including Germany, Great Britain, France, and the United States.

In Germany, prosecution for the dissemination of the inflammatory booklet proves to be less frequent if it is in Arabic, Turkish, or Farsi. This special dispensation for incitement is not without consequences. In the face of an unending series of violent attacks on Jewish citizens, often committed by youth with a Muslim background, Europe should at least demonstrate some interest in what lies behind this phenomenon.

Instead of approaching the subject as earnestly as possible, there has been much effort expended on the denial of the problem. For the last three years, confronted with the release of some relevant studies and even more violent incidents, Muslim anti-Semitism has garnered more attention. But too often it is interpreted as a reaction to the discrimination Muslims suffer.

Most Germans and probably most Europeans do not know (and do not want to know) that Mein Kampf is a bestseller in the Arab world today. They regard the friendly salute of a taxi driver in Egypt and the words “Heil Hitler” as meaningless exceptions. What, then, should be made of the proliferation of Arabic-language editions of The Protocols of the Elders of Zion?

The Protocols in the Arab world

The popularity of the Protocols in the Arab world is not at all limited to Islamist circles. The belief in a Jewish world conspiracy characterizes the general historical and political consciousness in much of the Middle East. However, the main reason for this is not the reference to the Protocols in Section 32 of the Hamas Charter or other extremist propaganda.

The Jews’ responsibility for every evil on earth is, rather, a very common, academic, and centrist world view in Arab nations.

The Protocols are translated, commented upon, published, and promoted by famous Arab intellectuals, politicians, and professors. They introduce the Protocols as an authentic document and as absolutely essential in explaining world affairs.

The Lebanese politician Ajjaj Nuwayhid (1897–1982) published an Arabic translation of the Protocols that is still among the most famous editions. In the foreword to the fourth edition, he quoted Said Aql, one of Lebanon’s most important modern poets: “Before the publishing [of the Protocols] Israel could be seen as a mere military danger, but now it has become a cultural and metaphysical danger.”

Whether the Protocols were authentic or not was a question of little or no significance: “In this period of history in the Middle East no one who has not read your [Nuwayhid’s] book should be entrusted with politics.”

Nuwayhid’s translation has been reprinted by many publishing houses in different Arab countries. Most editions of the Protocols include the following blurb:

  • Oh, you may not stop halfway, my dear Arab, as it is your duty to know most certainly what and who is “International Jewry,” working toward the devastation of Christianity, Islam, and all of civilization.
  • If you stop halfway you are harming yourself, your Umma, your history and your present and future descendants.
  • Do not be deceived by what you have known until now about ‚Zionism‘ and ‚Israel‘. It is important for you to know the ‚international Jewry‘ that is behind the scenes and that has performed its criminal deeds for twenty centuries.
  • ‚Zionism‘ and ‚Israel‘ are nothing but its facade. Read these Protocols!

This invitation is often combined with a warning to the reader to exercise caution in dealing with the Protocols; purportedly, no translator or publisher of this tome has ever died of natural causes: To the reader: Take care of this copy, as the Jews fought this book wherever it appeared and in every language.

They appear, no matter what the cost, in order to collect and burn the copies, because they do not want the world to know about the hellish plots they have made against it. In this book they [the plots] are revealed.

One often reads that the real object of the Arabs’ struggle did not appear for the first time in 1948 (i.e. with the creation of the State of Israel) or in the late nineteenth century with the emergence of Zionism, but rather that “International Jewry” has been a threat to mankind throughout the ages.

The first Arabic translation of the Protocols to gain mainstream fame was the one by Muhammad Khalifa at-Tunisi, first published in 1951. It is still reprinted today and is also available on the internet.

At-Tunisi explained why he translated the Protocols: I do not warn against the [Jewish] danger because they are fighting against my people; and not because they carved Israel out of Palestine and in so doing, became a neighboring enemy; and not because they are situated right in the midst of our own countries. But I warn against their danger to mankind, too. Even if all of that belongs to my motives for paying attention to this danger, I still warn against their danger to mankind. Even if they were expelled from our countries to any spot of land—wherever they were, they were enemies to mankind.

At-Tunisi’s translation is supplemented with a benevolent foreword by the great Egyptian liberal writer Abbas Mahmud al-Aqqad. The foreword to the English translation by Victor Marsden is also reprinted there in Arabic, as well as that of Sergej Nilus, the Orthodox mystic who first published the Protocols in Russia in 1905. This creates the impression that people all over the world are all aware of the “Jewish peril.”

Most Arabic editions of the Protocols contain much more than just the text of the fabrication. The above-mentioned 1996 edition of Nuwayhid’s translation has about 600 pages, of which the Protocols themselves account for less than 100.

The rest is pseudoscientific material, forewords of older Arabic or foreign editions, and articles by other so-called “scholars and experts.” But the fact is that they are mostly well-educated people. It is frightening to observe that blatant anti-Semitism and progressive, higher education are not mutually exclusive.

Nuwayhid adds to his translation an analysis of the Old Testament. It is not unusual for the Protocols to be placed in the context of Jewish sacred writings.

The content of the Protocols — the call to conspire against the world — is said to be binding for every Jew.

According to Nuwayhid, one of his goals was “the disclosure of the sources of these [the Jewish] drives—the sources to which the Talmud always belonged, like the deeds of Nehemiah, Ezra, Daniel, and Ezekiel during the Babylonian captivity and afterwards.”

Arab scholars are quite familiar with the true history of the fabrication and they usually do not refrain from recounting it. Some retell that history in detail, but still manage to use the Protocols as evidence of a Jewish conspiracy. In the Arabic Wikipedia article on the Protocols, for example, the idea that the booklet is a fabrication is presented as the “opinion of some historians” while others are said to take it seriously.

The writers clearly favor the latter interpretation. The article has been changed often since 2008, but its impact is still the same. Most people are so convinced of the existence of a global Jewish conspiracy that they might see the Protocols as a confirmation of their world view; however, they do not need proof, as al-Aqqad wrote: “It is a fact free of doubt …that the secret government exists with or without these Protocols.”

Later in the same edition at-Tunisi adds: “The forger — assuming that it is a forgery — was undoubtedly an excellent forger, and he was undoubtedly Jewish. For no forger who is not [Jewish] would be able to forge these prophecies.”

At-Tunisi follows a similar kind of logic in many other passages of his introduction. If the person about whom he writes is not undoubtedly Jewish, he or she might be a Jew pretending not to be Jewish, or a non-Jew influenced by “the Jews.” He alleges, for example, that the copies of a 1917 Russian edition of the Protocols were confiscated by the Bolsheviks, who were, either officially or secretly, for the most part Jewish, or at least “henchmen” of the Jews.

He maintains the same view regarding the British parliament,American congressmen,  and various UN delegations.

Even today, the Protocols, treated as a factual book, are circulating in the more educated classes in the Arab world. But propaganda and the pervading belief in a Jewish world conspiracy infiltrate all sectors of society.

The production of the Ramadan soap opera ‘Knight without a Horse’ was a high point in the process of ‚dumbing-down‘ the Protocols for the benefit of the often less-educated masses in the Arab world. Over the course of forty-one episodes, this Egyptian soap opera brought the myth into the living rooms of the Arab world in a “prime time” slot after the evening news.

Some argue that this series, which was released in 2002, was already dated. But like the oldest Arabic editions of the Protocols, this drama did not disappear after the first broadcast. It continues to be aired on TV, spreading the messages of the Protocols in probably the most “successful” way.

References to the Protocols can be found in Arab textbooks  as well as in academic curricula. Prof. Ahmad Hijazi as-Saqa of the Azhar University in Cairo published two anti-Semitic books on the Protocols in 2003.

Fath Allah of the University of Aleppo wrote the film script of the 2003 Lebanese Ramadan series ‘Diaspora’ which also propagates the notion of a Jewish world conspiracy.
There are thousands of examples that indicate that the belief in a Jewish world conspiracy is a mass phenomenon in the Arab world. The Protocols are only a single example drawn from a vast literature of hate. The study of the popularity of Mein Kampf in the Arab world and widespread Holocaust denial leads to similar findings.

Functions of the Protocols

Conspiracy theories in general fulfill certain functions for societies, individuals, and governments. By creating a world view of black and white, good and evil, in-group and out-group, they have an identity-establishing effect.

This is also the case in the Arab world with the myth of a Jewish world conspiracy. Wars between different Muslim groups or nations, economical backwardness, and even natural disasters are often said to be caused by sinister Jewish forces. For example, it was hard to explain to the Arab world why Fatah and Hamas, two Sunni Muslim Palestinian groups of so-called “freedom fighters,” were not able to form a common government in Gaza after the elections in 2006.

A cartoon in the Qatari newspaper ‚al-Watan‘ from 13 November 2006 portrayed an Orthodox Jew as responsible for the bloodshed between the two. Fatah and Hamas are seen peacefully sitting at the negotiating table, while the Jew secretly places a grenade under it.

In religious contexts, the Jews are often seen as “satanic antagonists” who conveniently serve as an explanation if promised heavenly blessings seem to be denied to Islamic theocracies or groups. In that same context, anti-Semitic out-group discrimination has a strong anti-modern component.

All of these and other “functions” of the Protocols must not be confused with “reasons”. Anti-Semitism is systematically used as an instrument, and Arab- Muslim societies are fertile ground for conspiracy theories. But it must never be accepted as a law of nature that suppression and poverty lead to anti-Semitism.

The very rational, often officially subsidized, use of the Protocols for spreading anti-Jewish propaganda should be seen as the instrumental use of that document.

Disseminating that fabrication does not, however, bring any real relief to the Arab world. On the contrary, it prevents Arabs from looking for solutions to many homemade problems.

Dealing with anti-Semitism among Muslims in Western societies  

Anti-Semitic attitudes in Western societies have hardly disappeared; if anything they are on the ascent. However, by only focusing on right-wing extremism we run the risk of ignoring the very real threat of Muslim anti-Semitism.

People in the West have mostly forgotten about the Protocols. Despite their revival in the Arab and Muslim world, they are not garnering much attention.

Yet, as the dangerous lie is still alive and kicking, action must be taken to identify and combat it. A first step of Western governments and societies would be to recognize the facts: This bastion of anti-Semitism in the Arab world is not a collection of exceptions pointed to by those who want to defame Arabs or Muslims, but has become an ideology with deep roots and a strong impact on individuals, societies, and world affairs.

Antiisraelisches Lehrmaterial an deutschen Schulen

Ergänzendes Lehrmaterial zu den verdrehten und völlig einseitigen Informationen über den Nahostkonflikt in deutschen Schulbüchern ist bitter notwendig. „Planet Schule“, das multimediale Schulfernsehen von WDR, bietet vier kurze Filme zu diesem Thema an. Sie wurden im Mai 2012 zweimal ausgestrahlt und stehen mit Gebrauchsanleitung für das Lehrpersonal auch online zur Verfügung. Leider fallen auch sie unter die Rubrik „verdreht und völlig einseitig“.

Drei der Streifen geben Einblick in die Lebenswelten junger Palästinenser und Israelis und deren Friedenssehnsucht. Aber durch die Augen der Israelis beleuchtet der Film lediglich die Notlage der Palästinenser, nicht umgekehrt. Der 13jährige Nadav, der Augenzeuge eines Selbstmordanschlages wurde und nun mit palästinensischen und israelischen Kindern eine Friedensinitiative gründen möchte, zeigt Verständnis für die Wut der steinewerfenden Teenager. Julia, die alleinerziehende Mutter an der Grenze zum Gazastreifen, die unter dem ständigen Raketenhagel leidet, klärt ihre kleine Tochter über die arabischen Nachbarn auf: „Sie wollen nicht auf uns schießen, und sie wollen uns auch nicht töten“, und sie bekennt: „Ich schäme mich, zum auserwählten Volk zu gehören – auserwählt, um zu töten.“

Der vierte Streifen, ein 15minütiges Video mit dem Namen „Der Nahost-Konflikt – eine Chronik der Gewalt“ suggeriert die Richtigkeit der palästinensischen Darstellung des Konflikts. Während berichtet wird, dass die Juden „die arabische Bevölkerung, die dort seit Jahrhunderten“ lebte, angeblich „systematisch“ aus Palästina vertrieben hätte, bleiben die Vertreibungen von Juden aus arabischen Ländern unerwähnt. Der Teilungsplan der Vereinten Nationen von 1947 sei von den Arabern „als ungerecht“ empfunden worden, was mit einer bunten Karte und Einwohnerzahlen unterstützt wird, die weder Europas „Displaced Persons“ noch den Teilungsplan von 1922 berücksichtigen. 1948 seien die arabischen Armeen zwar zahlenmäßig überlegen gewesen, aber Israel habe den „entscheidenden Vorteil“ gehabt: „Moderne Waffen.“ Dieses Detail muss schlichtweg erfunden worden sein. Anfangs war Israel nahezu unbewaffnet, viele in der „Armee“ waren Holocaustüberlebende, während die fünf arabischen Heere vergleichsweise hoch gerüstet waren.

Die Information, dass das Westjordanland mit der Klagemauer in der Zeit jordanischer Verwaltung bis 1967 von Juden nicht betreten werden durfte, wird unterschlagen. Hingegen werden die Siedlungen undifferenziert als völkerrechtswidrig bezeichnet („Trotzdem lässt die Weltgemeinschaft Israel gewähren“), und Ariel Scharon hätte im Jahr 2000 mit seinem Besuch des Felsendoms und der al-Aqsa-Moschee „das Fass zum überlaufen“ gebracht. „Für die Palästinenser pure Provokation.“ – Dabei war Scharons Betreten des Bezirks, den man auch als Tempelareal und heilige Stätte des Judentums bezeichnen könnte, mit den palästinensischen Behörden abgesprochen, und mittlerweile ist belegt, dass die Al-Aqsa-Intifada schon lange davor geplant wurde.

Schließlich scheint es, dass Israel immer unlautere Motive unterstellt werden, egal, wie es sich verhält: „2005 zieht Israel alle Siedler aus dem Gazastreifen ab. Eine Geste des Friedens, oder weil es schlicht zu teuer ist, sie bewachen zu lassen?“ So schwierig es ist, beide Seiten in der Berichterstattung fair zu behandeln: Mit den antiisraelischen Bildungsprogrammen an deutschen Schulen wird der „Friedensprozess“ sicherlich nicht vorangetrieben werden.

Nazi Propaganda for the Arab World

Ich lese gerade das Buch von Jeffrey Herf „Nazi Propaganda for the Arab World“, das 2009 erschienen ist. Es ist eine ganz hervorragende, fundierte, erschütternde Arbeit über die nationalsozialistische Außenpolitik und Propaganda in der arabischen Welt. Leider gibt es das Buch nur auf Englisch, und das wird wahrscheinlich erstmal so bleiben, denn eine Übersetzung würde sehr viel Geld und Aufwand kosten. Jedem, der am Thema interessiert ist und mit der Sprache klarkommt, rate ich, das Buch zu kaufen. Für alle, die es gar nicht oder nur stellenweise lesen können, werde ich hier ein kleines Lesetagebuch mit Seitenangaben führen, so dass man einen Eindruck bekommt und weiß, wo man nachlesen kann und auch die Quellen findet. Wer nach einer kürzeren, leichter lesbaren Einführung in das Thema sucht, dem sei „Djihad und Judenhass“ von Matthias Küntzel empfohlen.

  • Am 23. Mai 1941 legte Adolf Hitler seine Weisung Nr. 30 vor, in der er die arabische „Freiheitsbewegung“ im Nahen Osten als natürlichen Verbündeten gegen England bezeichnete (S. 2).
  • Von Oktober 1939 bis ins Frühjahr 1945 sendeten die Nationalsozialisten über einen Kurzwellensender in Zeesen rund um die Uhr auf Arabisch ihre Programme „Radio Berlin“ und „Voice of Free Arabism“ (S. 9). Vgl. Wikipedia zu Zeesen.
  • Der Inhalt der antijüdischen Propagandasendungen war eine Mischung aus säkularen Verschwörungstheorien und Koranversen (S. 14).
  • In der amerikanischen Botschaft in Kairo wurden die Sendungen unter der Leitung von Alexander C. Kirk ins Englische übersetzt (S. 10).
  • Neben der Radiopropaganda wurden Millionen von Flugblättern und Broschüren mit NS-Propaganda auf Arabisch angefertigt und unter die Leute gebracht (S. 10).
  • Als Johannes Ruppert, Sohn eines türkischen Beamten (officer) und einer Deutschen, 1935 aus der Hitlerjugend ausgeschlossen wurde, schaltete sich die türkische Botschaft ein und es entbrannte eine Diskussion über die Definition der „arischen Rasse“ und die Dehnbarkeit der Rassenideologie deutscher Provenienz bei politischer Zweckdienlichkeit (ab S. 17). Ein anderer Anlass für ausländischen Unmut über die Rassegesetze waren die Olympischen Spiele 1936 in Berlin (S. 20).
  • Das daraufhin angefertigte Dokument mit dem Titel „Zugehörigkeit der Ägypter, Iraker, Iraner, Perser und Türken zur arischen Rasse“ liegt heute im Politischen Archiv des Auswertigen Amtes (S. 18).
  • Der Direktor des Rassenpolitischen Amtes, Walter Gross, stellte 1936 in einem Schreiben an das Außenministerium fest, dass in den Nürnberger Rassengesetzen nicht länger zwischen „Ariern und Nicht-Ariern“ unterschieden werde, sondern zwischen Menschen mit „deutschem und artverwandtem Blut“ auf der einen und „Juden und Artfremden“ auf der anderen Seite (S. 18).
  • Den Türken wurde versichert, dass sie aus Sicht der deutschen Rassegesetze anderen europäischen Staaten vollkommen gleichgestellt seien. Den Ägyptern sagte man, die Nürnberger Gesetze gälten nur für Juden. Heiraten zwischen Deutschen und Ägyptern seien ausdrücklich erlaubt. Kindern aus solchen Ehen seien die vollen Bürgerrechte garantiert (S. 19).
  • Die Iraner waren schwieriger zufriedenzustellen, denn sie sahen (und sehen) sich als der „arischen Rasse“ zugehörig (S. 23).
  • Große Anstrengungen wurden schon seit 1934 (S. 24) für eine arabische Übersetzung von Mein Kampf unternommen. In einer solchen Übersetzung, so die Überlegungen, müssten die verächtlichen Aussagen über die Araber zumindest abgeschwächt werden, und ein islamischer Gelehrter sollte die Übersetzung an den Sprachgebrauch des Koran anpassen. Aus dem Ansinnen wurde aber vorerst nichts (S. 26).
  • Lange war es deutsche Politik gewesen, die Auswanderung der Juden aus Deutschland nach Palästina zu fördern (Ha’avara-Abkommen), nicht ohne sich an deren Besitz zu bereichern. 1937 begann man, diese Politik zu revidieren. Man wolle vielmehr die Araber als Gegengewicht zu einer Expansion der „Macht des Judentums“ in Palästina stärken. Die „jüdische Frage“ werde für Deutschland nicht durch Auswanderung gelöst, da das „Internationale Judentum“ immer ein ideologischer und politischer Gegner NS-Deutschlands sein werde. Dies wurde deutschen Botschaftern und Diplomaten im Sommer 1937 mitgeteilt (S. 28f).
  • Im Juli 1937 rückte der radikale Islam als möglicher Partner in das Blickfeld der NS-Strategen, als aus der Botschaft in Baghdad vermeldet wurde, dortige Imame hätten den Widerstand gegen einen jüdischen Staat zur religiösen Pflicht für Muslime erklärt (S. 30).
  • Im selben Jahr wurde eine Einladung für eine irakische Delegation zur Teilnahme am Nürnberger Parteitag ausgesprochen. Die irakische Regierung sandte 1938 eine Gruppe junger Leute nach Nürnberg, die im Anschluss begeistert berichtete. Sie hätten auf dem Parteitag die irakische Nationalhymne gesungen und dafür so viel Applaus erhalten, dass sie sie nochmal gesungen hätten (S. 31).
  • Hitler intensivierte seine Kontakte in die arabische Welt, als seine Hoffnungen auf ein Einvernehmen mit den Briten schwanden.
  • Die deutsche Propaganda in der arabischen Welt richtete sich gegen die Briten als Kolonialherren. Deren Einfluss war jedoch auch ein Gegengewicht zum Erfolg dieser Propaganda. 1937 wurde Hajj Amin al-Husseini von den Briten seines Amtes enthoben und musste fliehen. BBC verbreitete auf Arabisch die Passagen aus Mein Kampf, in denen Araber als minderwertig dargestellt werden. Die Kolonialherrschaft der Briten in arabischen Gebieten hatte neben Repressionen und Revolten auch wirtschaftlichen und kulturellen Austausch bin hin zu Vertrauensbeziehungen zur Folge (S. 33f).
  • Die antijüdische Politik der Nazis war in der arabischen Welt nicht auf Widerspruch, vielmehr auf Zustimmung gestoßen. Der Antisemitismus sollte zur Grundlage deutsch-arabischer Beziehungen werden (vgl. S. 35).

Tagesschau zähmt Ahmadinedschad

Ahmadinedschad habe in seiner Rede vor der UN-Vollversammlung auf Provokationen gegen Israel verzichtet. Nun ja, das ist etwas eigenwillig interpretiert. Ich muss es zum Glück nicht alles zusammmenschreiben, weil das schon jemand gemacht hat:

http://aro1.com/neuste-tagesschau-luege/

Interview Protokolle der Weisen von Zion

40 Minuten Interview über meine Magisterarbeit:

Der Glaube an eine „jüdische Weltverschwörung“. Die Rezeption der „Protokolle der Weisen von Zion“ in der arabischen Welt

http://www.freie-radios.net/50823

Von israelischen Kollaborateuren

Carmen Matussek

Eine Folge von Richard Schneiders Videoblog „Zwischen Mittelmeer und Jordan“ trägt den Titel „Von der Gefahr des Mitläufertums“. Herr Schneider ist zu Besuch bei Nir Baram, dem Autor des Buches „Gute Leute“, in dem es um Kollaborateure der Nazis und des Sowjetregimes geht.

Bei der Vorstellung seines Buches konstatiert der Autor: „Bei jedem Genozid ist es doch das gleiche: Eine kleine Gruppe Menschen taucht ihre Hände in Blut. Aber die große Mehrheit lebt ihr Leben, kollaboriert, kümmert sich nicht. Es sind diese Leute, die den Genozid erst ermöglichen. Ich will sie verstehen.“

Als ob das die perfekte Überleitung zur israelischen Gesellschaft wäre, fragt Herr Schneider: „Lass uns mal das Buch für einen Moment zur Seite legen und den Zweiten Weltkrieg. Wie sieht es mit Mitläufern in Israel aus?“ Nir Baram möchte darauf nicht so ganz eingehen, obwohl Schneider beteuert, nicht die politischen Systeme vergleichen zu wollen. Stattdessen spricht Baram über die soziale Situation in Israel. Schneider fragt also konkreter nach: „Lass mich mal provokant fragen: Wir machen hier das Interview am 31. August. Wir wissen nicht, was die nächsten Tage bringen werden, bis dieses Blog erscheint. Wir haben seit Wochen eine intensivste Debatte über den möglichen Krieg mit dem Iran. Ich sehe einfach nicht 300.000 oder eine halbe Million Menschen auf den Straßen dagegen demonstrieren. Ist das also stilles Mitläufertum?“ Die Vernichtungsambitionen des Iran gegenüber Israel scheinen dem Israelkorrespondenten der ARD komplett entgangen zu sein. Man muss wahrlich kein Kriegstreiber noch ein Mitläufer eines solchen sein, um sich nicht mit Pfeifen und Trompeten gegen einen Präventivschlag Israels zu stellen, der hoffentlich irgendwie vermeidbar sein wird.

Baram redet indes beharrlich weiter über sein Buch und beginnt, die Quellen seines Romans aus dem Bücherregal zu holen. Schneider geht darauf nicht ein, sondern fragt noch einmal: „Lass mich abschließend fragen: Falls Israel den Iran angreift, falls wir hier in den nächsten Wochen Krieg haben werden – wie jeder hier im Augenblick fürchtet und es gibt ja die Möglichkeit, dass dies geschehen könnte –, was dann? Der Krieg wäre vorbei. Es wird für Israel absolut katastrophal sein, katastrophal auch für die Wirtschaft, katastrophal für den Iran – würdest du dann sagen, die israelische Gesellschaft ist mitgelaufen, oder würdest du sagen, es gab keine Wahl?“ Nach nochmaligem, direktem Nachhaken, ob die Nazikollaborateure im Roman nicht doch die Probleme Israels widerspiegeln würden, wird Baram deutlicher: „Nein, nein, ich möchte nicht, dass aus unserem Gespräch die Schlussfolgerung gezogen wird, dass ich mich oder andere Leute mit den Nazis vergleiche. Das würde dieses Gespräch auf den Kopf stellen, würde daraus eine primitive, undifferenzierte Diskussion machen. Den Zweiten Weltkrieg zu vergleichen – ich vergleiche nicht. Wir in Israel sind nicht in der Situation wie Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Es gibt keine Konzentrationslager hier.“

Am Ende wird der Bogen aber doch noch geschlagen. Nir Baram sagt: „Wir leben in einer extrem rassistischen Gesellschaft. Und das, weil wir nicht die wichtige Lektion des Zweiten Weltkrieges gelernt haben.“ „Also wenn ich Netanyahu sehe, wie er den Holocaust missbraucht, dann entwickle ich tiefe Abneigung gegen das, was Netanyahu macht. Er will nämlich nichts tun, nichts ändern. Er hat nämlich keine Vision für die Zukunft Israels.“

Die Vergleiche und Unterstellungen in diesem Beitrag sind jenseits von Gut und Böse, genauso wie Schneiders suggestive Gesprächsführung. Ein junger, gesellschaftskritischer israelischer Autor, der sich des schwierigen Themas der Kollaboration des „kleinen Mannes“ im Nationalsozialismus angenommen hat, und der Umgang der israelischen Bevölkerung mit einem drohenden Erstschlag gegen die iranischen Atomanlagen – beides interessante Themen. Aber die israelischen Nicht-Demonstranten als Kollaborateure hinzustellen und das sogar mit dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung bringen zu wollen – das geht eindeutig zu weit und verkennt die Zwangslage, der Israels Regierung gegenübersteht.

Rezension

Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust (rez. Jun. 2012)

Beispiel für Verharmlosung des arabischen Antisemitismus

Rezension

Clemens Heni: Schadenfreude (rez. Nov. 2011)

Mit Stellungnahme zum Versagen der deutschen Islamwissenschaft

„Richtigstellung zum Iran“ …

… könnte man das nennen. Plötzlich und unvermittelt, dazu unverhofft hemmungslos redet Richard C. Schneider einmal Klartext im Tagesschau-Videoblog, völlig genervt von der grassschen Wahrnehmungsstörung hinsichtlich des Iran. Fällt völlig aus dem gewohnten Rahmen. Leider schon mit der Ankündigung  „und jetzt geht’s wieder normal weiter“. Schade. Sowas geht wohl auf Dauer nicht. Aber ich wollt trotzdem gesagt haben, dass ich positiv überrascht war.

Hoffnungsträger der Umbrüche in der arabischen Welt

Mit der Selbstverbrennung des Tunesiers Muhammad Bouazizi hat im Dezember 2010 die Protestwelle begonnen, die als „Arabischer Frühling“ bzw. „Arabellion“ bezeichnet wurde. Mit Blick auf Syrien sprechen mittlerweile selbst verbissene Optimisten von einem arabischen Winter; was die Umbrüche für Israel bedeuten, wurde und wird aber von vielen verkannt.

In seiner „Jahresbilanz Nahost“ vom 31.12.2011 gab sich Sebastian Engelbrecht auf tagesschau.de den Träumereien von „demokratischen Umwälzungen“ hin, „die der Westen so lange ersehnt“ habe. In einem Tonfall, der herablassender kaum hätte sein können, belehrte er die israelische Regierung, deren Mangel an Euphorie er nicht nachvollziehen konnte. Dabei bewege sich doch sogar die Hamas auf Israel zu und zivilisiere sich. „Der israelische Regierungschef betreibt eine Politik der konsequenten Selbstisolation, der Abgrenzung gegen alles, was nicht der amerikanische Kongress ist. Der Ministerpräsident wirkt wie ein Zinnsoldat, wie eine steife Figur, fest geschraubt auf den Boden der eigenen Ideologie. Sicher ist eins: Wer sich so halsstarrig der Dynamik seiner Umwelt entgegenstellt, wird fallen.“ Als sich abzeichnete, dass aus den Wahlen in Tunesien und Ägypten die Muslimbruderschaft als deutlicher Sieger hervorgehen würde, machten die Medien die Entdeckung der „moderaten Islamisten“. Eben noch seitenfüllend im deutschen Verfassungsschutzbericht als Bedrohung für die innere Sicherheit Deutschlands geführt, werden die Muslimbrüder nun Israel als Partner für den Frieden präsentiert.

In der Hamas war der Jubel nach dem Sturz Mubaraks groß: Es bedeutete eine Lockerung der ägyptischen Blockade des Gazastreifens und somit Erleichterungen beim Waffenschmuggel. Der Iran demonstrierte seine neuen Befugnisse, indem er mit der Erlaubnis der ägyptischen Militärregierung zwei Kriegsschiffe durch den Suezkanal schickte. Verschiedene Exilislamisten kehrten aus der Verbannung in ihre Heimatländer zurück. Raschid al-Ghanouschi, ein Bewunderer des iranischen Staatsmodells und Befürworter von Selbstmordattentaten gegen israelische Zivilisten, kam aus London nach Tunesien zurück und führte die En-Nahda-Partei an, die bei den Wahlen 41% erreichte. Einer der einflussreichsten islamistischen Prediger überhaupt, Yusuf al-Qaradawi, kam aus seinem Exil in Qatar nach Ägypten zurück und hielt vor einer Million Zuhörer eine flammende Rede auf dem Tahrir-Platz. In ihm weckte der Arabische Frühling die Hoffnung auf die „Vollendung von Hitlers Werk“, das eine „göttliche Bestrafung für die Juden“ gewesen sei. Sebastian Engelbrecht von der Tagesschau versteht die Aufregung in Israel nicht: „Netanjahu ist nicht im Stande, außenpolitisch zu gestalten, Brücken zu bauen, die Hand zu reichen, Bewegungen in Gang zu setzen. Er lässt stattdessen an der Grenze zu Ägypten Hochsicherheits-Grenzanlagen bauen.“

Was meinen die Muslimbrüder, wenn sie von Demokratie sprechen? Eine Umfrage des US Pew Research Centers ergab, dass 71 % der Ägypter Demokratie wollen, während sich 62 % für ein Leben streng nach dem Koran aussprechen. Man ist also vielfach der Meinung, dass sich diese beiden Möglichkeiten nicht gegenseitig ausschließen. Das Demokratieverständnis der Muslimbruderschaft geht aus dem Entwurf eines Parteiprogramms hervor, das bereits seit 2007 bekannt ist. In dem 180seitigen Entwurf wird die Einführung eines Obersten geistlichen Rates gefordert, der alle Entscheidungen des gewählten Parlamentes auf ihre Schariakonformität überprüfen müsste. Frauen und Christen wären als Präsidentschaftskandidaten ausgeschlossen. Auch Touristen sollten sich in Ägypten in der Öffentlichkeit an islamisches Gesetz halten müssen, was für die ägyptische Tourismusbranche fatal wäre. Die Muslimbruderschaft gilt im Westen vor allem deswegen als moderat, weil ihre politischen Leiter realistisch genug sind, um zu wissen, dass sich solche Neuerungen nicht von heute auf morgen durchsetzen lassen. Im Interview mit der Wienerzeitung antwortete Mahmud Ghozlan, Sprecher der ägyptischen Muslimbruderschaft, auf die Frage „Bedeutet das [schrittweise Umsetzung], dass am Ende des Weges die Sharia komplett implementiert werden soll?“ mit „Ja, das ist korrekt.“ Wienerzeitung: „Wenn es aber wirklich hart auf hart gehen sollte, und sich das Volk in welcher Sache auch immer anders entscheidet als von Gott vorgegeben?“ Mahmud Ghozlan: „Das ist ein Szenario der Unmöglichkeit. Das wird nicht passieren.“ Bei dem System, das dort etabliert werden soll, handelt es sich nicht um islamisch gefärbte Demokratie, sondern um demokratisch gefärbten Islamismus, der sich zwar wählen, aber wohl nie wieder abwählen lassen würde. Sebastian Engelbrecht: „Wichtig ist jetzt, diesen Prozess der Emanzipation der Völker mit Respekt und Solidarität zu unterstützen, auch wenn in den Parlamenten nicht die Wunschkoalitionen entstehen, die der Westen zu unterstützen bereit wäre.“ Abd al-Munaim Abu al-Futuh, ebenfalls ein prominenter Vertreter der Muslimbruderschaft, hat von seinem Vater einen Hang zur Trennung von Religion und Politik geerbt. Er hat viele Vorstellungen seiner Partei in Frage gestellt. Als er angab, für die Präsidentschaft kandidieren zu wollen, wurde er im Juni 2011 aus der Bruderschaft ausgeschlossen. Ihren damaligen Versicherungen, überhaupt nicht kandidieren zu wollen, hat die ägyptische Muslimbruderschaft mittlerweile zurückgenommen.

Nun bilden die Islamisten zwar mit Abstand die stärkste, aber längst nicht die einzige Kraft in der politischen Landschaft der arabischen Welt. Ernstzunehmende liberale Parteien und Gruppen haben sich etabliert und stehen erklärtermaßen gegen ein islamistisches Staatsmodell. Aber auch sie eignen sich nicht als Ansprechpartner für Israel.

Amr Moussa, ein erfahrener ägyptischer Diplomat, der parteiunabhängig als Präsidentschaftskandidat gehandelt wird, verteidigt sowohl das iranische Recht auf Atomwaffen als auch den Herrschaftsanspruch der Hamas in Gaza.

Aiman Nur, Vorsitzender der Ghad Partei , bezeichnete Israel als den Feind, der hinter allen Übeln, Verschwörungen und Bedrohungen stehe, denen sich Ägypten ausgesetzt sehe. Gegenüber der westlichen Presse hat er diese Aussage relativiert: Das habe sich nur auf den Gaza-Krieg bezogen, er sei sicher kein Antisemit, und er habe Gewaltaufrufen gegen Israel immer widersprochen. Letzteres stieß wiederum im ägyptischen Medienecho auf Irritationen, woraufhin Amr Moussa die Äußerung dementierte.

Tariq al-Bischri, der Vorsitzende des Komitees zur Überarbeitung der ägyptischen Verfassung, sieht im Iran ein Vorbild im Kampf gegen Israel, und er meint, dass säkulares, nicht schariakonformes Recht die Hauptbedrohung für das ägyptische Erbe sei.

Ahmad ´Izz al-Arab, der stellvertretende Vorsitzende der ägyptischen Wafd-Partei, sagte im Sommer 2011 in Budapest auf einer Konferenz für Demokratie und Menschenrechte im Interview mit der Washington Times, dass der 11. September von CIA und Mossad verübt worden sei, dass der Holocaust eine Lüge und das Tagebuch der Anne Frank eine Fälschung seien.

Eine der zentralen Forderungen des ägyptischen Oppositionsbündnisses Kifaya war schon bei dessen Gründung 2005 die Aufkündigung des Friedensvertrages mit Israel. Auch die Jugendbewegung des 6. April steht wie andere Vertreter der sogenannten „Facebookgeneration“ im Hinblick auf Israel unreflektiert auf Seiten der Hamas und fordert unter anderem die Einstellung der ägyptischen Erdgaslieferungen an Israel. Eine der Mitbegründerinnen der Bewegung, Asmaa Mahfus, bekam zusammen mit vier anderen Aktivisten des Arabischen Frühlings 2011 von der EU den Sacharowpreis für geistige Freiheit verliehen. Neben Muhammad Bouazizi, der mit seiner Selbstverbrennung zahlreiche Nachahmer fand, zählt auch der syrische Karikaturist Ali Ferzat zu den Preisträgern. Er kritisiert mit seinen Karikaturen das Assad-Regime und propagiert gleichzeitig den Glauben an eine jüdische Weltverschwörung.

Araber, die sich wie Amr Bargisi von der Egyptian Union of Liberal Youth für eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel und gegen Antisemitismus aussprechen, sind eine Seltenheit. Farid al-Ghadri, der Vorsitzende der im Exil beheimateten Reformpartei Syriens, hat sogar schon vor der Knesset gesprochen. Ihm wurde daraufhin von al-Assad persönlich die syrische Staatsbürgerschaft entzogen, seine Partei wurde von den syrischen Oppositionsbündnissen ausgeschlossen: Er sei ein Verräter und Kollaborateur der Zionisten.

Grundlegende Veränderungen in der politischen Landschaft des Nahen und Mittleren Ostens werden nicht zuletzt dadurch gehemmt, dass die Protestbewegungen in den beiden großen Hegemonialmächten Saudi-Arabien und Iran im Keim erstickt wurden. Diese führen weiterhin ihren terroristischen Stellvertreterkrieg an den Grenzen Israels. Es ist mehr als offensichtlich, vor welche Herausforderungen Israel durch die arabischen Umbrüche gestellt wird und warum es die naiven Hoffnungen seiner europäischen Verbündeten nicht teilen kann. Dennoch wird Israel als Aggressor und Spielverderber hingestellt. Laut Sebastian Engelbrecht wäre ein Krieg mit dem Iran das einzige, was Israel derzeit „wieder internationale Sympathien einbringen könnte (…). Die israelische Regierung könnte auch im kommenden Jahr dazu beitragen, diesen Krieg überflüssig zu machen. Sie könnte von einer Politik der Schockstarre zu einer Politik des Dialogs und der ernst gemeinten Verhandlungen mit den Palästinensern übergehen. Es ist allerdings zu befürchten, dass Netanjahu zu einem solchen Kurswechsel der Wille und die Courage fehlen.“ – Es bleibt zu hoffen, dass Israel sich auch weiterhin nicht zu dem geforderten Kurswechsel Richtung Selbstzerstörung hinreißen lässt.

Schikane der „Wiedergutmachung“

Der Umgang mit unserer NS-Vergangenheit am Beispiel der Restitutionsakten der Tübinger Juden

Ich veröffentliche hier Ausschnitte aus einer Hausarbeit aus meinem dritten Semester „Neuere und Neueste Geschichte“. Für die, die keine Zeit zum Lesen haben, habe ich einige Stellen markiert, aus denen hervorgeht, was ich mit „Schikane“ meine.  Die Beispiele stammen aus fünf verschieden Restitutionsakten aus dem Staatsarchiv Sigmaringen.

[…] Nach 1945 begann, vielfach unter dem Druck der alliierten Besatzungsmächte, eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Der kleine Teil dieser Auseinandersetzung, der im Zuge von Restitutionsprozessen vor dem „Landesamt für die Wiedergutmachung Tübingen“ stattgefunden hat, gibt noch keine Auskunft über eine Aufarbeitung unter den Bürgern, an der Universität oder im Rathaus. Ohnehin lässt sich bezogen auf ganz Westdeutschland sagen, dass die Gesellschaft der Rückerstattung „weitgehend ablehnend“[4]  gegenüberstand und „die Restitution (…) ohne den politischen Druck der Alliierten gar nicht zustande gekommen wäre“.[5]

BEG und BRüG

Die Gesetzgebung zur Wiedergutmachung entwickelte sich in den Zonen nicht von Anfang an einheitlich. Die Situation, die die Alliierten gleich nach dem Krieg in Deutschland vorfanden, verlangte nach schnellen Notbehelfen. Die ersten Maßnahmen und vorläufigen Gesetze fielen in der US-Zone für die Verfolgten günstiger aus als in den anderen Zonen, deren Besatzer selbst Reparationsansprüche an die Deutschen hatten. „Tatsächlich lag in den ersten beiden Jahren nach Kriegsende in Württemberg-Baden die Hauptlast der Betreuung bei den Organisationen der Verfolgten selbst.“[6]

Die vielen Schritte zu einer bundeseinheitlichen Gesetzgebung und die zahlreichen Nachbesserungen sind im Einzelnen unüberschaubar. Aber es wird deutlich werden, mit welchem Verwaltungsaufwand kleine Änderungen einhergehen konnten.

Der erste zonenübergreifende Entwurf, der auch umgesetzt wurde, war das „Bundesergänzungsgesetz zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung“ (Bundesergänzungsgesetz oder BErgG) vom 18.09.1953.[7] Es gilt als Vorgänger des „Bundesgesetzes zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung“ (Bundesentschädigungsgesetz oder BEG)[8] vom 29.06.1956, nach dem der Großteil aller Entschädigungsverfahren abgehandelt wurde.

Man unterschied zwischen Entschädigungs- und Rückerstattungsansprüchen. Die Rückerstattung hatte zum Ziel, „Juden und anderen (…) verfolgten Gruppen das vom Staat oder von Privatpersonen entwendete Eigentum zurückzugeben“[9] bzw. durch Geldleistungen zu begleichen. Dazu wurde am 19.07.1957 das „Bundesgesetz zur Regelung der rückerstattungs-rechtlichen Geldverbindlichkeiten des Deutschen Reichs und gleichgestellter Rechtsträger (Bundesrückerstattungsgesetz oder BRüG)[10] erlassen. Demgegenüber regelte das BEG (unter materiellen Aspekten) die Entschädigung für „Schäden an Leben, Körper, Gesundheit, Freiheit, Eigentum und Vermögen sowie (…) für Schäden im beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen“.[11] Der fließende Übergang zwischen den beiden Anspruchsarten erwies sich zuweilen als problematisch.

Schwierigkeiten für die Antragsteller ergaben sich aus einzuhaltenden Antragsfristen, dem „Territorialitätsprinzip, nach dem der Verfolgte in bestimmten räumlichen Beziehungen zu einem Land der Bundesrepublik Deutschland gestanden haben mußte“,[12] und aus „bürokratisch-penible[n] Auflistungen materieller Einzelschäden, die vom jüdischen Eigentümer akribisch zu belegen waren.“[13]

Bewertung

Bevor nun die Beispiele aus den Akten hinzugezogen werden, möchte ich eine kurze Bewertung der deutschen Wiedergutmachung vorwegnehmen. Diese fällt positiv oder negativ aus, je nachdem, welche Seite man dazu befragt und welche Maßstäbe man anlegt. Die Wertung in den Schriften von Seiten des deutschen Finanzministeriums ist durchweg positiv gehalten.[14] Sie orientiert sich an der Höhe der Beträge, die insgesamt im Zuge der Wiedergutmachung aufgebracht wurden und die sich grob geschätzt auf 90 Milliarden DM belaufen.[15] Diese Restitutionsleistung sei beispiellos in der Geschichte und es wird angemerkt, dass die mit der Wiedergutmachung betrauten Personen „täglich über Ansprüche entscheiden [mussten], deren Gesamtbeträge gemessen an ihren eigenen wirtschaftlichen Verhältnissen ihnen als astronomisch hoch erscheinen mussten.“[16]

Für die negative Bewertung fällt meiner Meinung nach ungeachtet jeglicher Geldsummen besonders ins Gewicht, dass die Wiedergutmachung von Anfang an gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt werden musste und bis zuletzt bei Wirtschaft und Industrie auf Widerstand stieß. Leider beschränkte sich der Großteil der Restitution auf ein von Bund und Ländern auf Druck der Alliierten durchgeführtes Rechenszenario. Umfragen ergaben in den fünfziger Jahren wiederholt, „daß mehr als die Hälfte der Westdeutschen sich weder dafür schuldig fühlte, was den Juden im Dritten Reich zugefügt worden war, noch dafür verantwortlich, diese Untaten wiedergutzumachen.“[17]

Überraschend schnell hat Deutschland nach Ende des Krieges wieder internationale Akzeptanz erlangt. Ohne die Bereitschaft, nach Möglichkeit das begangene Unrecht wiedergutzumachen, wäre das undenkbar gewesen, und insofern ist „den Verfolgten zu danken (…), daß sie in den fünfziger Jahren diese Möglichkeit einer (…) ‚Wiedergutmachung‘ angenommen haben.“[18] Die Restitutionszahlungen waren also eine Voraussetzung für das Wirtschaftswunder in Deutschland, weil sie dazu geführt haben, dass „die Bundesrepublik (…) von der Staatengemeinschaft als friedliebender, demokratischer Rechtsstaat anerkannt und als verläßlicher politischer Partner geschätzt wird.“[19]

Auch wenn 90 Milliarden DM ein hoher Betrag sind, entsprechen sie längst nicht dem Möglichsten. Die Aufwendungen für die Wiedergutmachung insgesamt betrugen im Durchschnitt jährlich rund 0,5 und nie mehr als 1 % des Bruttosozialprodunkts, erreichten ihren größten Anteil an den Gesamtausgaben der öffentlichen Hand bei ca. 3,6 %[20] und wurden auch bei Verbesserung der finanziellen Lage in Deutschland nicht erhöht.[21]

Die einzelnen Prozesse zogen sich meist über viele Jahre hin. Der bürokratische Apparat dabei arbeitete übertrieben genau und ausführlich. Empfangsberechtigt war nur, wer einen Antrag stellte. Die Antragsteller hatten auch die Beweislast zu tragen, was bedeutete, dass sie den Hergang ihrer Verfolgung möglichst in allen Einzelheiten beschreiben mussten. Sie mussten ihr Krankenbild offenlegen, sich dafür von mehreren Amtsärzten und Gutachtern untersuchen lassen und schließlich den Zusammenhang einer Erkrankung mit der Verfolgung beweisen. Oft war dieses Prozedere für die Antragsteller so demütigend, dass ernsthaft diskutiert wurde, ob das Bundesentschädigungsgesetz als eine zweite Phase der Verfolgung angesehen werden müsse.[22]

Die deutsche Wiedergutmachung ist beispiellos in der Geschichte; der deutsche Nationalsozialismus ist es auch. Für die junge BRD war die Wiedergutmachung eine Herausforderung, gerade weil sie ohne die Zustimmung der Bevölkerung durchgeführt werden musste. Aber spätestens jetzt können wir uns fragen, ob wir nicht durch die Wiedergutmachung mehr profitiert haben, als wir uns bewusst gemacht haben, und weniger investiert haben, als wir zugeben wollen.

Die Wiedergutmachung

Paula Weil

Paula Weil wurde am 01.07.1877 geboren. Sie lebte mit ihrem Mann Siegmund Weil und ihrem Sohn Georg bis 1933 in Tübingen in der Wilhelmstraße 22, floh 1933 in die Schweiz und von dort 1941 in die USA.[25] Als Bankiersfamilie[26] hatten sie der Tübinger Oberschicht angehört[27] und Paula Weil hatte mehrere öffentliche Auszeichnungen für Wohltätigkeit erhalten.[28] Sie starb am 02.01.1965.

Die Familie Weil war wohlhabend. Vor allem im Prozess von Siegmund Weil[29] sind sicherlich hohe Summen gefordert und auch bewilligt worden. Die Akte seiner Frau wirkt für sich allein betrachtet eher unscheinbar. Ende 1957 erhält sie den Bescheid, dass ihr als Entschädigung für Schaden an Vermögen (Auswanderungskosten[30]) 190,40 DM zuerkannt werden.[31]

Ähnlich wie an dem Begriff „Wiedergutmachung“ kann man an der Bezeichnung „Auswanderungskosten“ Anstoß nehmen. Immer wieder trifft man in den Akten auf festgelegte rechtliche Ausdrücke und auf ein „Beamtendeutsch“, das zu dem „wiedergutzumachenden“ Unrecht in starkem Kontrast steht und häufig Euphemismen gleichkommt, wie hier, wenn Flucht und Vertreibung als Auswanderung bezeichnet werden.

Unter „Auswanderungskosten“ zählten auch die Kosten für die Zugfahrt bei der Flucht der Familie in die Schweiz. Diese wurden folgendermaßen berechnet: Nach Auskunft der Bundesbahn Tübingen betrüge die Strecke von Tübingen nach Zürich 206 Kilometer, und der Kilometerpreis habe 1945 für die 1. Klasse (denn „da die Familie Weil sehr vermögend war, kann angenommen werden, dass sie zu ihrer Auswanderung in die Schweiz die 1. Wagenklasse benützte“) 0,08 RM betragen. „Bei Auslandsreisen wurden für innerdeutsche Strecken keine Zuschläge für Eil-, D- und FD-Züge erhoben.“ Die Gesamtkosten für Fahrt und Reisespesen wurden pro Person auf 30 RM veranschlagt. Reichsmark wurden im Verhältnis 10:2 in Deutsche Mark umgerechnet. So entstand ein Betrag von 6 DM pro Person. Schon an diesem Beispiel wird deutlich, wie aufwendig die Verfahren zur Errechnung der einzelnen Ansprüche gewesen sein müssen. Und an dem Betrag von 6 DM ist auch zu sehen, dass die Prozesse nicht darauf hinausliefen, Menschen für den Verlust ihrer (hier) Heimat zu entschädigen, sondern lediglich für die dabei entstandenen Kosten.

1941 bei der Weiterreise von Zürich nach New York musste ein Teil des Umzugsgutes weit unter Wert verkauft werden. Über diesen Schaden könne aber nach dem Bundesentschädigungs-gesetz Entschädigung nicht geleistet werden, hieß es in einem Bescheid vom 13.12.1957, weil die räumliche Vorraussetzung des § 56 BEG – der Schaden müsse innerhalb des Reichsgebietes nach dem Stande vom 31.12.1937 eingetreten sein – nicht erfüllt sei.

Auf die 1957 gewährten 190,40 DM Auswanderungskosten entfielen wegen eines neuen Erlasses[32] ab 1964 5% Nutzungsentschädigung, aufgrund derer im Juli 1966 ein neuer Bescheid erging und Paula Weil eine Nachzahlung von 9,52 DM erhielt.

Desweiteren findet sich in der Akte von Paula Weil eine Antwort des Landesamts für die Wiedergutmachung (LAW) Tübingen auf einen Beschwerdebrief ihres Sohnes, in dem es hieß: „Ihre weiteren, allgemein gehaltenen Vorwürfe, bei dem Amt, das sich als Landesamt für die Wiedergutmachung bezeichne, seien Vorwürfe der Verfälschung und unobjektiven Feststellungen anscheinend die übliche Behandlung, werden mit allergrösster Entschiedenheit zurückgewiesen.“ Die Hintergründe dieser Vorwürfe gehen aus der Akte nicht hervor. Fest steht, dass die Wiedergutmachung für alle ein anstrengender Prozess war und die Entschädigungs-richter „eine restriktive Haltung einnahmen und hohe Beweisanforderungen stellten.“[33] Leider mussten sich die Antragsteller oft wie Angeklagte vorkommen.

Eugenie Zivi

Eugenie Zivi wurde am 04.11.1883 geboren und lebte mit ihrem Mann Josef Zivi und ihren beiden Töchtern in Tübingen in der Breuningstraße 30. 1939 gelang der Familie die Flucht nach Palästina. Ihr Mann war Vorsänger in der jüdischen Gemeinde gewesen. Ihre jüngere Tochter Ruth (1910 geboren) stellt für sie Ende der sechziger Jahre den Restitutionsantrag, denn Eugenie Zivi ist am 18.02.1956 gestorben.[34]

Die Akte ist unvollständig und besteht nur aus wenigen Seiten. Man erfährt, dass Ruth Alexander (verh.) im Jahr 1958 82 DM Auswanderungskosten für ihre Mutter erhielt.[35] Den gleichen Betrag erhielt sie für ihren Vater, aber die Anträge mussten getrennt gestellt werden.

Ebenso wurden ihr 1959 16 DM „wegen Schadens durch Zahlung einer Buße“ zugesprochen. „Im März 1934 wurde die Verfolgte wegen angeblicher abfälliger Äußerungen über einen Jungvolkführer in Schutzhaft genommen. Um ihre Haftentlassung zu erwirken, mußte ihr Ehemann Josef Zivi einen sogenannten ´freiwilligen Beitrag´ von 80,– RM an das Winterhilfswerk zahlen.“ Der Entschädigung stünde nicht entgegen, daß die Buße vom Ehemann der Verfolgten entrichtet wurde; denn er habe auf Grund seiner ehelichen Unterhaltspflicht die Zahlung offensichtlich an Stelle der Verfolgten geleistet.

Es lagen Ansprüche nach dem BRüG vor, was aber nur aus einem kurzen Vermerk der Oberfinanzdirektion Stuttgart von 1960 hervorgeht: „Hinsichtlich der Entziehung von Edelmetallsachen, des Bankguthabens in Höhe von RM 2 453,30 und des Betrags von RM 500,–, der als ersatzlose Abgabe an die Dt. Golddiskontbank[36] bezahlt wurde, werden auf das Land übergegangene Rückerstattungsansprüche nicht geltend gemacht.“

Emma Gideon

Emma Gideon wurde am 17.09.1877 geboren und lebte mit ihrem Mann Adolf und ihrer Tochter Margarete in Tübingen in der Hechinger Straße 9. Sie floh mit ihrer Tochter 1938 in die Schweiz. Ihr Mann war bereits 1909 gestorben. Sie lebte bis zu ihrem Tod 1963 in der Schweiz.[37]

Emma Gideon beantragte Entschädigung für „Aufwendungen durch ihre Auswanderung“,[38] „Judenvermögensabgaben“,[39] „Degoabgabe“ und „Einziehung von Bankguthaben und Wertpapieren“.

In ihrer Akte liegen viele Kontoauszüge mit Überweisungen von 1938/39, Anfragen an Banken, Rückversicherungen und Antworten, die hier im Einzelnen nicht aufgeführt werden können. Es ist festzustellen, dass die Banken, wie zum Beispiel die Sparkasse Laupheim, in der Regel schnell und freundlich geantwortet haben. Erkennbar ist aber auch eine gewisse Scheu davor, selber für die Verwaltung des Raubgutes belangt zu werden.[40]

Als Entschädigung für Auswanderungskosten wurden Emma Gideon 470,12 DM bewilligt, die Judenvermögensabgabe und die Degoabgabe wurden ihr mit 360 DM erstattet.

Ein entstandener Verschleuderungsschaden wurde mit 400 DM abgegolten. Frau Gideon musste dafür eine eidesstattliche Erklärung abgeben, in der sie jedes Möbelstück, an das sie sich erinnern konnte, nebst Besteck und Daunenbetten aufzählen und beschreiben musste. Es handelte sich dabei um die Einrichtung eines vollmöblierten Hauses, wovon sie vieles bei der Flucht „gar nicht verkaufen“ konnte und „einfach zurücklassen“ musste. Es gab bei der Wiedergutmachung nun „Richtlinien für die Berechnung der Entschädigung für Schaden durch Zerstörung oder Verlust von Sachen“. Nach diesen wurde „die vorzuschlagende Vergleichssumme (…) wie folgt ermittelt“: Der Anschaffungswert aller Gegenstände wurde auf aufgerundet 10.000 RM geschätzt. „Abzüglich Abschreibung für verbrauchsbedingte Wertminderung 3 v.H. Pro Jahr für durchschnittlich 30 Jahre“ blieb ein Restbetrag von 1000 RM übrig. Das wären 200 DM gewesen. Da dieses Ergebnis unbillig erscheine, würde ein Restwert von 25 % berücksichtigt, also 2500 RM. Davon wurde ein geschätzter Verkaufserlös von 500 RM abgezogen und das Ergebnis in 400 DM umgerechnet. Für die Entschädigung war nicht relevant, was es Frau Gideon gekostet hatte, sich in der Schweiz neu einzurichten. Die 400 DM sind der nach Tabelle berechnete finanzielle Verlust. Der daraufhin entstandene, weit höhere Bedarf wurde nicht berücksichtigt.

Auf die 470,12 DM für Auswanderungskosten entfielen schließlich noch die bereits erwähnten 5% Nutzungsentschädigung, so dass 7 Jahre später eine Nachzahlung von 23,50 DM erfolgte.

Die Erstattung der Wertpapiere im Wert von insgesamt 2664,26 RM wurde abgelehnt, „weil der Wiedergutmachungsanspruch seiner Rechtsnatur nach rückerstattungsrechtlich“ sei. Ob daraufhin noch ein Antrag nach dem BRüG gestellt wurde, ist nicht ersichtlich.

Der Anwalt von Emma Gideon war Siegbert Einstein aus Bad Buchau, der das KZ Theresienstadt überlebt hatte und nach dem Krieg stellvertretender Bürgermeister seiner Stadt wurde.[41]

Margarete Gideon

Margarete Gideon ist die Tochter von Emma Gideon. Sie wurde am 26.05.1900 in Tübingen geboren.[42] Auch ihr Anwalt war Siegbert Einstein. Ab 1927 studierte sie in Frankfurt Philologie. „Durch die politischen Vorkommnisse der damaligen Zeit traten derartige Minderwertigkeitsgefühle auf, dass das Studium nicht mehr weitergeführt werden konnte.“[43] Auch nach ihrer Ankunft in der Schweiz 1938 bot sich ihr keine Möglichkeit, das Studium fortzusetzen und sie arbeitete als „Hausgehilfin“, bis sie nach Kriegsende eine Einstellung als Bibliothekarin fand.

Sie stellte einen Antrag auf Entschädigung für „Ausbildungsschaden“ beziehungsweise „Schaden im beruflichen Fortkommen“ und bekam 1957 und 1965 jeweils 5000 DM bewilligt. Das LAW Tübingen hatte im Voraus genaue Nachforschungen angestellt und versucht, alte Professoren ausfindig zu machen. An die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt hatte es sich mit folgender Frage gewandt: „Sind die Gründe für das etwaige Fehlen eines Abschlusses bekannt, d.h. ist ersichtlich, ob der Abbruch der Ausbildung (…) auf nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen aus rassischen Gründen oder etwa auf rein persönlicher Unfähigkeit beruhte?“

Hedwig Weil (Ihringen)

Die Restitutionsakte von Hedwig Weil aus Ihringen wurde aufgrund einer Verwechslung mit  Hedwig Weil aus Tübingen bearbeitet. Von den fünf Akten war ihre, die zwar auch vergleichsweise dünn ist, mit rund 130 Seiten die umfangreichste und inhaltlich bewegendste. Die Akte ist vor allem deswegen aufschlussreich, weil die Antragstellerin einige Seiten zu ihrer Situation im „Auswanderungsland“ selbst geschrieben hat.[44]

An dem Verfahren waren mehrere Behörden beteiligt. Im März 1957 übernahm das LAW Tübingen das Verfahren vom LAW Freiburg. Fast 30 Ämter und Stellen wurden eingeschaltet; die Prozesse dauerten über zehn Jahre.

Die Antragstellerin ist nicht Hedwig Weil, sondern ihre Tochter Clothilde Jena. Hedwig Weil, geboren am 18.12.1869, wurde am19.08.1942 von Haigerloch nach Theresienstadt und dann am 29.09.1942 nach Polen deportiert. Sie kam von dort nicht zurück. Ihr genaues Todesdatum ist unbekannt.

Clothilde Jena lebte in Baranquilla, wohin sie 1938 mit ihrem Mann und ihrem damals neunjährigen Sohn geflohen war. In Pirmasens waren sie Besitzer eines Restaurants gewesen, in Baranquilla musste ihr Mann in einem Hotel nur für „Kost und Wohnung“ ohne Gehalt arbeiten. Er starb zwei Jahre nach der Ankunft. Sie blieb mit ihrem Sohn zurück und arbeitete zwölf Jahre in demselben Hotel als Büglerin, wobei sie „nicht einmal das Existenzminimum verdiente.“ Damit begründet sie dem LAW Freiburg, warum sie keine Steuererklärung vorlegen konnte.

Während der Prozesse konnte Frau Jena sich zeitweise keinen Anwalt leisten. Aus allen ihren Briefen geht hervor, dass sie lediglich eine Unterstützung suchte, um überleben zu können. Zu der Zeit war sie selbst nicht mehr arbeitsfähig und ganz von der Hilfe ihres Sohnes abhängig.

Nach einem langen Prozess erhielt Clothilde Jena als Erbanteil für das „Elternhaus mit Garten“, welches „vollständig eingerichtet“ gewesen war, 210 US-Dollar.

Mit ärztlicher Bestätigung und mehrmaligem Gesuch hatte Frau Jena das LAW darum gebeten, ihr Verfahren zu beschleunigen. Im August 1957 bekam sie die Zusage, dass ihr Anliegen jetzt als Vorrangfall behandelt würde. Es „fehlen jedoch noch einige Ermittlungen, nach deren Durchführung Sie weitere Nachricht erhalten. Sie werden gebeten, sich bis dahin zu gedulden.“ Nach sechs Monaten, in denen Frau Jena keine weitere Nachricht erhalten hatte, wandte sie sich erneut mit einem handschriftlichen Brief an das LAW Tübingen und schilderte nochmals ihren ganzen Fall mit der Bitte um Bearbeitung. Für die Zwischenzeit findet sich als erste dieser Ermittlungen ein Auszug aus dem Strafregister, aus dem hervorgeht, dass Hedwig Lion „Nicht vorbestraft“ war. Man fragt sich, was es für Auswirkungen auf die Ansprüche von Frau Jena gehabt hätte, wenn man ihrer Mutter ein Vergehen hätte nachweisen können.

Für die Zeit, die Hedwig Weil unter „Freiheitsbeschränkung und Freiheitsentziehung“ verbringen musste, wurde „der Antragstellerin (…) eine Kapitalentschädigung für Schaden der Verfolgten an Freiheit in Höhe von 1.950,– DM (…) zuerkannt.“

Da der genaue Todeszeitpunkt von Frau Weil nicht bekannt war, ist „durch Beschluss des Amtsgerichts Hechingen – Zweigstelle Haigerloch – vom 23.11.1950 nach dem Verschollenheitsgesetz der 31.12.1942 festgestellt worden(…).“ In dem Bescheid vom 15.12.1958 begründete das LAW Tübingen in einer ganzseitigen, rechtlich fundierten Ausführung, warum es für die Berechnung der Entschädigung andere Maßstäbe anlegte. Folgendes sei festzustellen: „Der Transport, mit dem die damals 72-jährige Mutter der Antragstellerin am 29.9.1942 von Theresienstadt nach Polen verbracht worden ist, führte in ein Vernichtungslager. Es ist daher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß die Verfolgte kurze Zeit nach Abgang des Transportes ums Leben gekommen ist. Sie dürfte den folgenden Monat, den Oktober 1942, nicht mehr überlebt haben.“ Die Feststellung des Todeszeitpunktes durch das Amtsgericht beruhe nicht auf tatsächlichen Ermittlungen, so dass die Entschädigungsbehörde nicht an den ergangenen Todeserklärungsbeschluss gebunden sei. „Sie kann dann vielmehr nach § 180 BEG mit Wirkung für das Entschädigungsverfahren einen anderen Todestag feststellen(…).“ Für die „13 volle[n] Monate“ „Freiheitsbeschränkung und Freiheitsentziehung“[45] wurden nun die 1950 DM gezahlt. Durch die neue Wahrscheinlichkeitsberechnung des Todesdatums, das schließlich auf den 31.10.1942 festgelegt wurde, hat das Amt 300 DM gespart.

Mit Bescheid vom 24.04.1958 wurde ein Antrag auf Entschädigung für Schaden an Leben zurückgewiesen. Denn allein durch die Feststellung eines verfolgungsbedingten Todes sei „keine Entschädigungsleistung für Schaden an Leben begründet(…).“ Ziel der „Wiedergutmachung“ war in einem solchen Fall nicht etwa, im Rahmen des Möglichen durch Geldleistungen „Schaden an Leben“ wiedergutzumachen, sondern die Zahlungen sollten lediglich erlittenen Kapitalschaden ausgleichen. Den „Kindern eines Verfolgten kann (…) nur für die Zeit, in der für sie nach Beamtenrecht Kinderzuschläge gewährt werden können, also bis zur Vollendung des 16. bzw. seit 1.4.1957 18. Lebensjahres und, falls sie sich in der Schulausbildung oder in der Ausbildung für einen künftig gegen Entgelt auszuübenden Lebensberuf befinden, bis zur Vollendung des 24. bzw. seit 1.4.1957 des 25. Lebensjahres, Entschädigung für Schaden an Leben gewährt werden.“ Da Clothilde Jena zum Zeitpunkt des Todes ihrer Mutter bereits 44 Jahre alt war, lag nach geltendem Entschädigungsrecht praktisch kein „Schaden an Leben“ vor.

Fazit

Ich habe es bei der Vorstellung der Akten vermieden, aus den einzelnen Beispielen Schlüsse zu ziehen. Sie sprechen für sich selber. Nach dem Krieg war es kaum gelungen, Richter an die Wiedergutmachungskammern zu berufen, die das nationalsozialistische Gedankengut nicht geteilt hatten, obwohl die Rückerstattungsgesetze dies forderten.[46] Als Beamter der NS-Zeit hatte man gelernt, in entarteter Perfektion seinen Job zu tun. Dieselbe Distanz und peinliche Genauigkeit beim Einhalten der Gesetze sprechen aus den Zeugnissen der Restitutionsprozesse..

Auf der Ebene von Bürokratie und Verwaltung ist die Wiedergutmachung „ordentlich“ verlaufen und im Ablauf mit anderen, „normalen“ Prozessen zu vergleichen. Es handelte sich um einen Rechtsstreit mit allen Beweisanforderungen, Vorbehalten und Missbrauchsängsten, die ein Gericht dem Antragsteller gegenüber haben kann. Die Gesetze wurden in der Regel befolgt. Es fragt sich nur, ob ein Rechtsstreit eine geeignete Form war, die Juden für das erlittene Unrecht zu entschädigen, ob es vermeidbar gewesen wäre, dass das Geschick und die Gesinnung des Anwaltes über die Höhe der Restitution entschieden, und ob hohe Geldleistungen ausreichen, damit man von einer gelungenen Wiedergutmachung sprechen kann. Oft stand es in keinem Verhältnis zueinander, „welche Demütigungen einerseits mit dem Verlust des Eigentums und welche Mühen andererseits mit dem Versuch seiner Wiedererlangung verbunden waren.“[47]

Die Wiedergutmachung war notwendig, aber nicht ausreichend. Die Prozesse von damals sind abgeschlossen und die meisten Zeitzeugen sind inzwischen tot. Vielleicht hätte man neben den detaillierten Rechtsansprüchen eine pauschale Rentenzahlung in Betracht ziehen können, um den Juden, die hier um ihre Existenz gebracht wurden, ein „angemessenes“ Leben in ihrer „neuen Heimat“ zu ermöglichen. Bei allen eigenen Belastungen wäre dies der BRD zuzumuten gewesen, vielleicht auch unter Einbeziehung der Bevölkerung. Eine Gemeinde wie Tübingen hätte zu jeder Zeit für die Versorgung ihrer ehemaligen jüdischen Einwohner aufkommen können. Nach wie vor ist nie so etwas wie eine Wiedergutmachungssteuer erhoben worden. Ludwig Erhard konnte bei seinem Regierungsantritt schon feststellen, dass „die Bundesrepublik nach Aussage des Internationalen Arbeitsamtes in Genf von allen Ländern der freien Welt bereits die höchsten [sozialen] Leistungen tätigt(…).“[48] Die Mittel wären vorhanden gewesen, um zu gewährleisten, dass auch die Vertriebenen der NS-Zeit ohne täglichen Kampf ums Überleben hätten auskommen können.

Literatur

BEBBER, K. van: Wiedergutgemacht? Die Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung nach dem Bundesergänzungsgesetz durch die Entschädigungsgerichte im OLG-Bezirk Hamm, Berlin 2001.

BRODESSER, H.-J., FEHN, B. J., FRANOSCH, T., WIRTH, W.: Wiedergutmachung und Kriegsfolgenliquidation. Geschichte – Regelungen – Zahlungen, München 2000.

BUNDESMINISTERIUM DER FINANZEN in Zusammenarebeit mit Walter SCHWARZ (Hsg): Die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts durch die Bundesrepublik Deutschland, Bd. 5: Das Bundesentschädigungsgesetz. Erster Teil, München 1981.

FORSTER, D.: “Wiedergutmachung“ in Österreich und der BRD im Vergelich, Innsbruck 2001.

GESCHICHTSWERKSTATT TÜBINGEN (Hsg): Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden, Stuttgart 1995.

GOSCHLER, C.:Wiedergutmachung. Westdeutschland und die Verfolgten des Nationalsozialismus (1945-1954), München 1992.

GOSCHLER, C./ LILLTEICHER, J. (Hsg.): “Arisierung“ und Restitution. Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Deutschland und Österreich nach 1945 und 1989, Göttingen 2002.

KOSSOY, E.: Deutsche Wiedergutmachung aus usraelischer Sicht. Geschichte, Auswirkung, Gesetzgebung und Rechtsprechung, Köln 1970.

SCHMIDT, H., In: Bundesministerium der Finanzen in Zusammenarbeit mit Walter Schwarz (Hsg): Die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts durch die Bundesrepublik Deutschland, Bd. 1, Rückerstattung nach den Gesetzen der Alliierten Mächte, München 1974.

ZUR SACHE, Themen parlamentarischer Beratung. Wiedergutmachung und Entschädigung für nationalsozialistisches Unrecht, 3/87, Öffentliche Anhörung des Innenausschusses des Deutschen Bundestages am 24. Juni 1987, Bonn 1987.

http://www.staatsarchive.niedersachsen.de/master/C1246199_L20

http://www.mediaculture-online.de

Quellen

Restitutionsakten, Staatsarchiv Sigmaringen:

StaS Wü 33 T1 Nr. 5736 (Gideon, Emma)

StaS Wü 33 T1 Nr. 5737 (Gideon, Margarete)

StaS Wü 33 T1 Nr. 5860 (Weil, Hedwig)

StaS Wü 33 T1 Nr. 6212 (Weil, Paula)

StaS Wü 33 T1 Nr. 6294 (Zivi, Eugenie)


[1]     Die Akte StaS Wü 33 T1 Nr. 5860 ist wegen einer Namensgleichheit versehentlich bearbeitet worden, soll aber hier trotzdem hinzugezogen werden. Nur handelt es sich nicht um Frau Hedwig Weil aus Tübingen, sondern aus Ihringen.

[2]    Eine den Westzonen vergleichbare Wiedergutmachung hat in der damaligen Sowjetzone nicht stattgefunden. Zum Umgang der DDR mit dem Thema Rückerstattung und zu den Problemen und Maßnahmen bei der Wiedervereinigung siehe: Goschler (2002): Kap. III und  Forster (2001): S. 105ff.

[3]     Geschichtswerkstatt Tübingen (Hsg): Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden, Stuttgart 1995, S. 16.

[4]     Goschler, C./ Lillteicher, J. (Hsg.): “Arisierung“ und Restitution. Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in   Deutschland und Österreich nach 1945 und 1989, Göttingen 2002, S. 22.

[5]    Ebd. S. 55.

[6]    Goschler, C.:Wiedergutmachung. Westdeutschland und die Verfolgten des Nationalsozialismus (1945-1954), München 1992, S. 83.

[7]    Bundesministerium der Finanzen in Zusammenarbeit mit Walter Schwarz (Hsg): Die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts durch die Bundesrepublik Deutschland, Bd. 4: Das Bundesentschädigungsgesetz. Erster Teil, München 1981, S. XII.

[8]    Ebd.

[9]    J. Lillteicher, In: Goschler, C./ Lillteicher, J. (Hsg.): “Arisierung“ und Restitution. Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Deutschland und Österreich nach 1945 und 1989, Göttingen 2002, S. 127.

[10]  Bundesministerium der Finanzen in Zusammenarbeit mit Walter Schwarz (Hsg): Die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts durch die Bundesrepublik Deutschland, Bd. 4: Das Bundesentschädigungsgesetz. Erster Teil, München 1981, S. XIII.

[11]   Bebber, K. van: Wiedergutgemacht? Die Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung nach dem Bundesergänzungsgesetz durch die Entschädigungsgerichte im OLG-Bezirk Hamm, Berlin 2001, S. 30.

[12]  Gießler, H., In: Bundesministerium der Finanzen in Zusammenarbeit mit Walter Schwarz (Hsg): Die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts durch die Bundesrepublik Deutschland, Bd. 4: Das Bundesentschädigungsgesetz. Erster Teil, München 1981, S. 52

[13]  F. Bajohr, In: Goschler, C./ Lillteicher, J. (Hsg.): “Arisierung“ und Restitution. Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Deutschland und Österreich nach 1945 und 1989, Göttingen 2002, S. 56

[14]  s. dazu Goschler, C.:Wiedergutmachung. Westdeutschland und die Verfolgten des Nationalsozialismus (1945-1954), München 1992, S. 16

[15]  Bundesfinanzminister Helmut Schmidt im März 1974, In: Bundesministerium der Finanzen in Zusammenarbeit mit Walter Schwarz (Hsg): Die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts durch die Bundesrepublik Deutschland, Bd. 1, Rückerstattung nach den Gesetzen der Alliierten Mächte, München 1974, Geleitwort.

[16]  Kossoy E.: Deutsche Wiedergutmachung aus israelischer Sicht. Geschichte, Auswirkung, Gesetzgebung und            Rechtsprechung, Köln 1970, S. 250.

[17]  Goschler, C.:Wiedergutmachung. Westdeutschland und die Verfolgten des Nationalsozialismus (1945-1954), München 1992, S. 214, nach HICOG Surveys, Report No. 113, No. 167.

[18]  Dr. W. Nachmann (Zentralrat der Juden in Deutschland), In: Zur Sache, Themen parlamentarischer Beratung. Wiedergutmachung und Entschädigung für nationalsozialistisches Unrecht, 3/87, Öffentliche Anhörung des Innenausschusses des Deutschen Bundestages am 24. Juni 1987, Bonn 1987, S. 88.

[19]  Brodesser, H.-J. u.w.: Wiedergutmachung und Kriegsfolgenliquidation. Geschichte – Regelungen – Zahlungen, München 2000, Vorwort.

[20]  Kossoy E.: Deutsche Wiedergutmachung aus israelischer Sicht. Geschichte, Auswirkung, Gesetzgebung und           Rechtsprechung, Köln 1970, S. 234-239. Zum Vergleich wird hier erwähnt, dass nach den Richtlinien der UNO (Sonderorganisation UNCTAD) von wirtschaftlich hoch entwickelten Staaten nicht weniger als 1% des BSP als Entwicklungshilfe an andere Länder gezahlt werden sollte. „Die Kritiker der deutschen WDG-Leistungen weisen darauf hin, daß der Gesamtbetrag, den die BRD an Verfolgte im Inland und im gesamten Ausland sowie an Isarel nach dem Israelvertrag gezahlt hat, nur in einem einzigen Jahr (1961) die für die Wirtschaftshilfe an unterentwickelte Länder vorgesehene unterste Grenze von 1 % des Bruttosozialprodukts erreicht hat.“ s. S. 237.

[21]  Dr. H. Düx (Richter am Oberlandesgericht Frankfurt) In: Zur Sache, Themen parlamentarischer Beratung. Wiedergutmachung und Entschädigung für nationalsozialistisches Unrecht, 3/87, Öffentliche Anhörung des Innenausschusses des Deutschen Bundestages am 24. Juni 1987, Bonn 1987, S. 36.

[22]  Dr. W. Nachmann (Zentralrat der Juden in Deutschland), In: Ebd. S. 87.

[23]  Ebd. S. 36.

[24]  s. StaS Wü 33 T1 Nr. 5860 (Weil, Hedwig) nach dem Badischen Gesetz über die Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus vom 10. Januar 1950 (EG), Mantelantrag Punkt 15.

[25]  Geschichtswerkstatt Tübingen (Hsg): Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden, Stuttgart 1995, S. 413.

[26]  Zur „Zwangsarisierung und Wiedergutmachung der Bankcommandite Siegmund Weil s. ebd. S. 234-250.

[27]  Ebd. S. 43.

[28]  Ebd. S. 70f.

[29]  Diesen Prozess muss sein Sohn geführt haben, da Siegmund Weil bereits 1942 gestorben war.

[30]  Zur Reglementierung der Auswanderung s. http://www.staatsarchive.niedersachsen.de/master/C1246199_L20

[31]  Die folgenden Informationen sind alle der Akte von Frau Weil (StaS Wü 33 T1 Nr. 6212) entnommen.

[32]  Erlass des Justizministeriums Baden-Württemberg vom 28.2.1964 VIII 2 -W 290/1136 (Die Justiz S. 53).  aus: StaS Wü 33 T1 Nr. 5736 (Gideon, Emma)

[33]  Bebber, K. van: Wiedergutgemacht? Die Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung nach dem Bundesergänzungsgesetz durch die Entschädigungsgerichte im OLG-Bezirk Hamm, Berlin 2001, S. 247.

[34]  Geschichtswerkstatt Tübingen (Hsg): Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden, Stuttgart 1995, S. 413.

[35]  Die folgenden Informationen sind alle der Akte von Frau Zivi (StaS Wü 33 T1 Nr. 6294) entnommen.

[36]  „Als Dego-Abgabe wurde die bei der Auswanderung zu leistende Abgabe an die Deutsche Golddiskontbank bezeichnet; sie wurde erhoben für transferiertes Geld und später auch für Umzugsgut. Sie betrug bereits im August 1934 65% der transferierten Gesamtsumme, stieg bis Oktober 1936 auf 81% und bis Juni 1938 auf 90%. Ab September 1939 betrug der Abschlag durchgängig 96%. Ab 1.1.1939 wurde auch die Mitnahme von Umzugsgut eingeschränkt. Nur zum persönlichen Gebrauch unbedingt erforderliche Gegenstände durften noch mitgenommen werden. Jeder, der auswandern wollte, musste vorher um Genehmigung nachsuchen und zu diesem Zweck alle auszuführenden Sachen in einem „Umzugsgutverzeichnis“ auflisten. Die Mitnahmegenehmigung wurde nur erteilt, wenn zuvor ein Betrag in Höhe des Anschaffungswertes für sogenannten Neubesitz (Sachen, die nach dem 31.12.1932 angeschafft waren) an die Deutsche Golddiskontbank überwiesen worden war. In Einzelfällen konnte die Abgabe bis zu 300% betragen.“ aus: http://www.staatsarchive.niedersachsen.de/master/C1246199_L20

[37]  Geschichtswerkstatt Tübingen (Hsg): Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden, Stuttgart 1995, S. 406f.

[38]  Die folgenden Informationen sind alle der Akte von Emma Gideon (StaS Wü 33 T1 Nr. 5736) entnommen.

[39]  „Auf Initiative Hermann Görings wurde den deutschen Juden nach dem Attentat auf den deutschen Legationsrat vom Rath und der Pogromnacht am 12.11.1938 eine Kontributionszahlung von 1 Mrd. RM als „Sühneleistung“ für „die feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Volk“ auferlegt. Die „Durchführungsverordnung über die Sühneleistung der Juden“ vom 21.11.1938 regelte den Modus der Umlage dieser Summe auf alle jüdischen Bürger auf der Grundlage der Vermögenserklärungen vom Frühjahr 1938. Alle, die mehr als 5000 RM Vermögen angegeben hatten. mussten 20% davon bis zum 15.8.1939 in vier Raten an ihr Finanzamt abgeben; später wurde noch eine 5. Rate verlangt. die am 15.11.1939 fällig wurde.“ aus: http://www.staatsarchive.niedersachsen.de/master/C1246199_L20

[40]  Die Deutsche Golddiskontbank bestätigte, am 25.11.1939 400 RM für Umzugsgut erhalten zu haben und fügte hinzu:„In Übereinstimmung mit dem Wortlaut unserer Bescheinigung weisen wir darauf hin, daß der uns überwiesene Betrag dem Konto des Reichswirtschaftsministeriums gutgeschrieben worden ist. Verfügungsberechtigt über das Konto war ausschließlich dieses Ministerium; die Deutsche Golddiskontbank übte nur die Funktion einer kontoführenden Bank aus.“

[42]  Die folgenden Informationen sind alle der Akte von Margarete Gideon (StaS Wü 33 T1 Nr. 5737) entnommen.

[43]  Aus einem Schreiben von Siegbert Einstein

[44]  Die folgenden Informationen sind alle der Akte von Hedwig Weil (StaS Wü 33 T1 Nr. 5860) entnommen.

[45]  Berechnet ab dem 19.09.1941, als Frau Weil in Haigerloch den Judenstern tragen musste. Sie hatte Ihringen „aus Gründen der Rasse“ verlassen müssen und wohnte bis zu ihrer Deportation bei ihrer Schwester in Haigerloch.

[46]  s. J. Lillteicher, In: Goschler, C./ Lillteicher, J. (Hsg.): “Arisierung“ und Restitution. Die Rückerstattung

jüdischen Eigentums in Deutschland und Österreich nach 1945 und 1989, Göttingen 2002, S. 132.

[47]  Goschler, C./ Lillteicher, J. (Hsg.): “Arisierung“ und Restitution. Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Deutschland und Österreich nach 1945 und 1989, Göttingen 2002, S. 13.

[48]  Aus der Regierungserklärung des Bundeskanzlers am 10.11.1965 vor dem Deutschen Bundestag in Bonn http://www.mediaculture-online.de

Fakten = Provokante Ansichten zur Siedlungsfrage?

Richard C. Schneider befragt in seinem Videoblog bei tagesschau.de vom 05.03.12 den Juristen Eljakim HaEtzni zu dem, „was wir international besetzes Gebiet nennen“. „Nun, ich möchte Ihnen Eljakim HaEtzni […] zumuten“, unter der Überschrift „Provokante Ansichten zur Siedlungsfrage“. Der „Hardliner“ HaEtzni mag provokante Ansichten vertreten (Henryk Broder bezeichnete ihn einst als Knalltüte), aber in diesem Videoblog-Beitrag scheint er damit hinterm Berg zu halten. Die „provokanten Ansichten“ sind allgemein bekannte, „harte“ Fakten. HaEtzni stellt die Frage, von welchem rechtmäßigen Souverän Israel 1967 das sogenannte Westjordanland besetzt haben soll: Stehe dieses Land Jordanien zu, das es bis dahin unrechtmäßig besetzt hatte und längst keine Ansprüche mehr darauf anmeldet? Oder der britischen Mandatsmacht, die ebenso keine Rolle mehr spielt wie die Osmanen, die das Land zuvor 400 Jahre besetzt hielten? Oder den Mamluken, die es nicht mehr gibt?

Die jüdischen Siedlungen im sogenannten Westjordanland werden gemeinhin als „das größte Friedenshindernis“ im Nahostkonflikt angesehen und gern als „völkerrechtswidrig“ bezeichnet.

Die Westbank ist israelisches Hoheitsgebiet, das 1967 im Zuge eines Verteidigungskrieges eingenommen wurde. Vorher war es nicht etwa von „den Palästinensern“ besetzt, die es damals als Volksgruppe noch gar nicht gab, sondern von Jordanien. Das Land wurde nach der Eroberung nicht von Israel annektiert, weil man die Option des Tauschhandels „Land für Frieden“ offenhalten wollte. Israel nennt die Gebiete nicht „besetzt“, sondern „umstritten“.

Ist eine „jüdische Präsenz“ in diesen Gebieten denn per se friedensstörend? Wenn Avigdor Lieberman auch nur die Frage zu stellen wagt, ob auch die arabischen Siedlungen in Israel aufgelöst werden sollten, wird er als Rassist beschimpft. In der öffentlichen Meinung sind arabische Viertel in Israel mittlerweile genauso selbstverständlich wie die angebliche Notwendigkeit einer „judenfreien“ Westbank, so wie der Gazastreifen seit 2005 eine „judenfreie Zone“ ist.

Flächenmäßig machen die Siedlungen etwa zwei Prozent der Westbank aus. Dass sowohl die Siedlungen als auch deren Zufahrtsstraßen weiträumige Schutzzonen benötigen, ist nicht Israels Schuld. Arabische Wohnblöcke in Israel würden vom israelischen Staat genauso geschützt werden, wenn sie permanenter Terrorgefahr ausgesetzt wären. Und immer wieder müssen auch Araber vor militanten Siedlern geschützt werden. Der Konflikt hat auch auf israelischer Seite Radikalos hervorgebracht, die einem antiarabischen Rassismus frönen. Im Vergleich zu den arabischen Terrorgruppen, die von islamischen Staaten finanziert werden, ist deren Gefahrenpotential jedoch verschwindend gering, und der israelische Staat hat mehrfach bewiesen, dass er mit seinen „Knalltüten“ fertig werden kann.

Zur Frage des Völkerrechts: Angeführt werden die UN-Resolution 242 und die Vierte Genfer Konvention. Wer sich diese Texte durchliest, wird feststellen, dass die Resolution die Siedlungen mit keinem Wort erwähnt und dass die Vierte Genfer Konvention (Artikel 49 gegen den Bevölkerungstransfer durch eine Staatsmacht in besetzte Gebiete) auf Israel nicht anwendbar ist.

Um sich diese Fakten „zuzumuten“, muss man nicht einen Anführer der Siedlerbewegung konsultieren, sondern man kann auf die offiziellen Erklärungen des stellvertretenden Außenministers Israels, Danny Ayalon, zurückgreifen oder die historischen Fakten in Geschichtsbüchern nachlesen.

Deutscher Medienpreis an Dr. Mitri Raheb

Eine angestrebte Verständigung zwischen Juden, Christen und Muslimen, die als kleinsten gemeinsamen Nenner den Hass gegen Israel hat, ist mitnichten ein „herausragendes Symbol der Menschlichkeit“.

an: buerobprherzog@gmx.de und dmp-pressebuero@media-control.de

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Deutsche Medienpreis 2011 soll am 24. Februar an Mitri Raheb aus Bethlehem verliehen werden. „Herausragende Symbole der Menschlichkeit“ sollen damit geehrt werden.
Auf der Homepage des Deutschen Medienpreises heißt es: „An einem anderen Platz der Welt schafft auch Dr. Mitri Raheb Orte der Begegnung, des Austauschs und des Dialogs: in Bethlehem, der biblischen Stadt, die jedoch kein Platz des Friedens ist. Nahe der Mauer zwischen Israelis und Palästinensern setzt sich der evangelische Pfarrer trotz vieler Rückschläge und Bedrohungen für die Verständigung von Christen, Moslems und Juden ein. Raheb hat eine ganze Infrastruktur von Schulen, Gesundheitszentren und Begegnungsstätten geschaffen, die das alltägliche Leben für die Menschen in Bethlehem leichter machen. Dr. Rahebs Wirken ist die Alternative zu Gewalt und Radikalisierung.“ Nun ist ein Einsatz für eine Verständigung an sich nichts Schlechtes, nur sollte berücksichtigt werden, auf welchem ideologischen Unterbau dieser Einsatz gründet. Der bedingungslose Einsatz an sich ist noch nicht der Ehrung wert. Welcher Mensch meint nicht von sich, er würde sich für Friede und Gerechtigkeit einsetzen? Im Namen von Friede und Gerechtigkeit wurden die schlimmsten Verbrechen begangen. Die Frage ist doch, was man unter diesen Schlagworten versteht und wie man sie zu erreichen gedenkt. Dort wo sich Dr. Mitri Raheb politisch positioniert, wird der Staat Israel an sich als Friedenshindernis abgestempelt und delegitimiert. Der Überlebenskampf des Landes inmitten von Terror und Vernichtungsdrohungen wird verkannt und verhöhnt.
Mitri Raheb vergleicht die Politik Israels mit dem Apartheid-System in Südafrika. Er ist einer der Autoren des „Kairos-Palästina-Dokuments“, in dem offen zum Boykott israelischer Waren aufgerufen wird.
Eine angestrebte Verständigung zwischen Juden, Christen und Muslimen, die als kleinsten gemeinsamen Nenner den Hass gegen Israel hat, ist mitnichten ein „herausragendes Symbol der Menschlichkeit“.
Als Journalistin, der eine faire Berichterstattung über Israel am Herzen liegt, kann ich die Wahl von Dr. Mitri Raheb als Empfänger des Deutschen Medienpreises nicht nachvollziehen und bitte Sie, diese Entscheidung zu überdenken.

Mit freundlichen Grüßen,

Carmen Matussek

Islamischer Antisemitismus – Kommentar zum Begriff

Ich bin (noch) kein Spezialist für islamischen Antisemitismus. Der „Antisemitismus in der arabischen Welt“, mit dem ich mich in meinen Studien eingehend beschäftigt habe, kann nicht so einfach als islamisch bezeichnet werden. Er speist sich aus Quellen des westlichen/europäischen/deutschen, aber auch russischen Antisemitismus des frühen 20. Jahrhunderts. Im Nachhinein ist er von beachtlichen Teilen der islamischen Theologie adaptiert worden. Aber auch vorher hat es islamischen Antisemitismus gegeben. Während die einen noch darüber streiten, wie ausgeprägt diese Feindschaft den Juden gegenüber im Islam gewesen ist, scheint eine führende Schicht von Wissenschaftlern sich darauf zu verständigen, dass es islamischen Antisemitismus überhaupt nicht gibt, dass er zumindest nicht statistisch nachgewiesen sei, und dass derartige Behauptungen „islamophob“ seien. Hier mein Statement dazu:

Ich kann aus dem Bauch heraus einen einstündigen Vortrag über christlichen Antisemitismus halten. Ich würde über Ritualmordlegenden, Vorwürfe von Brunnenvergiftung und Hostienschändung reden, ich würde so manche Päpste ebenso wie Martin Luther zitieren, und ich würde die heutigen antiisraelischen Eskapaden der Kirchen und Freikirchen, gleich welcher Denomination, beleuchten, von Pax Christi auf der Mavi Marmara über den ÖRK und das Kairos-Palästina-Dokument bis hin zum Ausschluss messianischer Juden vom Kirchentag. Das ist mein Job. Diese Tatsachen tun meinem eigenen Christsein keinen Abbruch, vielmehr fühle ich mich herausgefordert und umso mehr in der Verantwortung, diese Dinge beim Namen zu nennen. Christlicher Antisemitismus – das ist der Antisemitismus (nach gängiger Definition müsste man es „Antijudaismus“ nennen. Ich werde an anderer Stelle erklären, warum ich das nicht mache), der in Geschichte und Gegenwart mit christlichen Quellen von einflussreichen christlichen Theologen im Namen des Gottes der Bibel propagiert wurde und wird.

Islamischer Antisemitismus ist der Antisemitismus, der in Geschichte und Gegenwart mit islamischen Quellen von einflussreichen islamischen Theologen im Namen Allahs propagiert wurde und wird. Die Quellen bieten hierzu reichlich Material und die Theologen machten zu allen Zeiten Gebrauch davon, heute mehr denn je. Darüber zu sprechen sollte nicht nur erlaubt, sondern geradezu geboten sein.

Tagesschau und der Iran

Im November 2011 brachte tagesschau.de ein gar nicht mal schlechtes Interview mit Dr. Henning Riecke zum IAEA-Bericht und den iranischen Bombenbaubestrebungen. Darin die Aussage: „Äußerungen wie das oft beschworene ‚Israel muss von der Landkarte getilgt werden‘ kann man so interpretieren, dass der Iran Israel mit Atomwaffen treffen will. Dieses Gefühl der Bedrohung, das in Israel herrscht, muss man unbedingt ernst nehmen.“ Tagesschau.de meinte, das in einem extra Kasten erklären und korrigieren zu müssen, und erzählte die alte Mär vom Übersetzungsfehler. Dieser Irrglaube hält sich penetrant in den Köpfen der Menschen, weil es bequem ist, zu glauben, dass es nie Vernichtungsdrohungen gegeben habe, und weil „seriöse“ Medien diesen Quatsch Jahre später immer noch verbreiten. Nur hat die iranische Führung ihre Drohungen nach dem vermeintlichen Übersetzungsdesaster aus dem Jahr 2005 ununterbrochen wiederholt und in englischsprachigen Verlautbarungen selbst die Übersetzung „Israel should be wiped out of the face of the world“ autorisiert. Mehr dazu bei Joshua Teitelbaum: Die iranische Führung in ihren eigenen Worten über die Vernichtung Israels: Ein Plädoyer gegen apologetische Kampagnen zur Entschuldung des Aufrufs zum Völkermord.

Ein weiteres, anschauliches Beispiel für die Unterschlagung von Informationen, die nicht ins Bild passen: Der Bericht über die US-Drohne, die der Iran im Dezember 2011 in seinen Besitz gebracht hat. Im iranischen Fernsehen wurde die Drohne gezeigt, umgeben von Bannern mit vielsagenden Aufschriften, von denen tagesschau.de aber nur die harmloseste für die Leser übersetzt hat: „Amerika kann [uns] gar nichts/einen Dreck“. Das ist das Banner links unten. Rechts steht: Ma Amrika ra zirpa migodharim: „Wir besiegen Amerika (wörtlicher: wir kriegen Amerika unter unsere Füße)“. Auf dem Plakat, das über der Drohne hängt und das tagesschau.de groß im Titelbild bringt, steht das Übliche: „Tod Amerika, Tod Israel, Tod England“. Das kann man nicht anders übersetzen und auch nur schwer interpretieren. Warum ist es so unverständlich, dass solche Todeswünsche auf offiziellen Plakaten Besorgnis von Seiten Israels und Spionageflugzeuge aus den USA hervorrufen?

Freiheitskämpfer im Balata-Camp

Mitte Mai 2010, parallel zu den Feierlichkeiten zur Staatsgründung Israels, besuchte Richard C. Schneider das Balata Flüchlingscamp. Er zeigte die Bilder einiger „Märtyrer“ und erklärte den Zuschauern: „Das sind sogenannte Shahid, Märtyrer. Das sind junge Leute, die während der Intifadas im Kampf gegen Israel gefallen sind. Teilweise Leute, die zu den al-Aqsa-Märtyrer Brigaden gehörten, teilweise zum Islamischen Djhad oder zur Hamas. Und hier wird dieser getöteten jungen Palästinenser mit solchen Bildern gedacht.“ Googelt man die abgebildeten, angeblichen Intifada-Kämpfer auf Arabisch, stellt sich heraus, dass diejenigen, über die sich etwas herausfinden lässt,  am 30.9.2005 gestorben sind. Die zweite Intifada gilt seit Februar 2005 als abgeschlossen. Am 12.09.2005 hatten die letzten israelischen Soldaten Gaza verlassen. Welchen Grund sollen diese Männer gehabt haben, gerade in dieser Zeit im Westjordanland eine abgeschlossene Intifada fortzuführen? Herr Schneider stellt diese Fragen nicht. Der, auf dessen Plakat auch Arafat abgebildet ist, heißt Jamal Ibrahim al-Jarami, war 20 Jahre alt und starb in Nablus (oder kam daher?), als Todesursache bzw. Art der Verletzungen steht da „ganzer Körper“. Der andere heißt ‚Ala` Yusuf al-Tirawi, ebenfalls 30.9.2005, Nablus, „Brust und Bauch“… (die Infos sind von www.aqsaa.com, einer arabischen Seite).

Die Architektur in dem „Camp“ (natürlich Massivbauten und keine Zelte) wird als besonders unzumutbar dargestellt, enge Gassen, ganz kleine Fenster, und das bei der Hitze! Außerdem gäbe es für 25.000 Leute in dem Camp nur einen Wasserhahn (für den sich aber zur Zeit des Drehs niemand zu interessieren scheint). Wer schon einmal in einer beliebigen arabischen Stadt war, weiß: In sozial vergleichbaren Vierteln überall in der arabischen Welt sieht es genauso aus. Und selbst betuchte Familien bauen klassisch nach außen hoch und dabei oft sogar gänzlich ohne Fenster, eben einbruchsicher. Die Frau sonnt sich im Innenhof, denn draußen darf sie das ja nicht. Im Balata „Camp“ wird das trotz aller tatsächlicher Armut nicht anders sein. Und dass sie dort die europäischen DIN-Normen für Verkabelungen und Hygienestandarts nicht erfüllen, ist auch nicht den armen Unterdrückten vorbehalten. Wo außer in den jeweiligen Regierungsvierteln ist das denn anders?

Ich habe das Video bei der Suche nicht mehr gefunden. Auch da, wo die Videoblogs „Zwischen Mittelmeer und Jordan“ gesammelt sind, findet man es nicht. Oder war das außerhalb des Blogs? Wenn es jemand findet, kann er mir Bescheid sagen, damit ich es verlinken kann.

Apropos: Das Land zwischen Mittelmeer und Jordan: Wenn man wollte, könnte man es auch „Israel“ nennen.

Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft

„Dimensionen des Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft. Pädagogische Interventionen – Theoretische Reflexionen“ – so war eine Tagung überschrieben, die am 29.05.2011 in der Volkshochschule in Köln stattfand. Die veranstaltende Organisation war die „Kölnische Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V.“, Sponsor unter anderen die Friedrich Ebert Stiftung. Die Programmbeschreibung klang vielversprechend. „Fachleute aus der Wissenschaft“ sollten beispielsweise folgende Fragen beantworten: „Welche Zugänge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts haben Jugendliche aus verschiedenen nationalen und kulturellen Hintergründen? Wie sind Studien zu bewerten, wonach muslimische Jugendliche eine signifikante Affinität für antisemitische Deutungsmuster aufweisen?“ – gut, dachte ich. Das ist genau mein Thema. Diese Fragen beschäftigen mich, seit ich im Zuge meines Studiums der Islamwissenschaft antisemitische Propaganda in der arabischen Welt untersucht habe. Der Antisemitismus unter Migranten mit muslimischem Hintergrund nimmt auch in Europa besorgniserregende Ausmaße an. Kinder, die in ihrem Herkunftsland womöglich eben noch in der Schule gelernt haben, dass die Juden für alle Übel der Menschheitsgeschichte verantwortlich sind, sollen nun in das europäische Bildungswesen integriert werden. Die Frage, wie in der Pädagogik mit den vorprogrammierten Problemen umgegangen werden soll, ist berechtigt. An Schulen habe ich selbst oft genug ratlosen Lehrkräften gegenübergestanden. Ich erhoffte mir von der Tagung interessante Impulse, weiterführende Informationen und neue Kontakte. Was ich erlebte, war für mich der ernüchternde Gipfel all dessen, was ich bisher an intellektueller Ignoranz auf diesem Gebiet erlebt hatte. Bereits das Eröffnungspodium gereichte zu einer vollkommenen Desillusionierung. Es gibt Leute, von denen ich eine Verleugnung der Tatsachen aufgrund eines zwanghaften Harmoniebedürfnisses erwarten würde, und andere, von denen ich das nicht erwarte. Dr. Juliane Wetzel gehörte bislang zu letzteren. 2002 hat sie zusammen mit Werner Bergmann eine Studie zum Antisemitismus in den Ländern der EU durchgeführt. Diese war von der EU selbst dem Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin, für das Frau Dr. Wetzel arbeitet, in Auftrag gegeben worden. Eines der Ergebnisse war, dass „körperliche Angriffe auf Juden und auf Synagogen in der untersuchten Periode häufig von Muslimen (meist Arabern) durchgeführt wurden.“ Oft sei dies nach pro-palästinensischen Demonstrationen der Fall gewesen. Auch die antisemitische Propaganda in den arabischen Medien, die von Europa aus über Satellit empfangen werden kann, wurde in der Studie thematisiert. Es heißt: „Die Staaten haben arabischen Publikationen, die antisemitische Propaganda in europäischen Ländern verbreiten, zu wenig Beachtung geschenkt.“ All dies biete „Grund zur Sorge“. Anfänglich war die Studie von der EU unter Verschluss gehalten worden, da die Ergebnisse geeignet seien, in der Bevölkerung „Islamophobie“ zu fördern. Selbige Juliane Wetzel stand am besagten Sonntag vor einem Publikum, das mit rund hundert Menschen viel größer war als erwartet, und behauptete, dass es einen Antisemitismus als neues Phänomen der Migrationsgesellschaft nicht gebe. Das sei ein Problem des sozialen Milieus oder der politischen Orientierung und könne nicht mit religiösem oder nationalem Hintergrund in Verbindung gebracht werden. Die jüdische Gemeinde in Berlin z.B. habe sich auf dieses Thema „eingeschossen“ und ließe den viel schlimmeren Antisemitismus der Rechten außen vor. Antisemitismus unter Muslimen sei „politischer Missbrauch einer Religion“ und erfülle für uns eine willkommene „Stellvertreterfunktion, um vom Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft abzulenken.“ Unterstützung erhielt sei dabei von Prof. Dr. Andreas Zick von der Universität Bielefeld: Muslime würden Antisemitismus erst im Einwanderungsland erleben. Die Moschee sei für sie der Ort, an dem sie ihre Fragen stellen und diskutieren würden. Wenn sie dort zufällig auf einen Antisemiten stießen, würden sie eben so geprägt werden. In mir machten sich Ohnmachtsgefühle breit, weil der ganze Saal mit den Aussagen einverstanden zu sein schien. Ein sehr sinnvolles und bewegendes Projekt stellte Mehmet Can von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus vor, im Zuge dessen sie mit deutschen Migrantenkindern palästinensischer und türkischer Herkunft nach Israel gereist waren, um Feindbilder zu entzerren. Er musste sich in der Diskussionsrunde vorwerfen lassen, den Jugendlichen „nur das positive Bild Israels“ gezeigt und ihnen Gaza vorenthalten zu haben. Am Ende des Tages waren alle Begriffe komplett dekonstruiert: Es gibt nicht „den“ Islam, es gibt nicht „den“ Antisemitismus und auch nicht „die“ Migranten. Richtig. Folglich gibt es auch „das“ Problem nicht und wir können alle glücklich und erleichtert nach Hause gehen. Die einzige klare Aussage des Tages war, dass man zu nichts klare Aussagen machen kann. Damit sind wir also davor gerettet, uns irgendwo positionieren zu müssen.
Warum der Tag trotzdem lehrreich und sinnvoll war? Ich habe gelernt, dass es sich lohnt, sich zu Wort zu melden, auch wenn es hoffnungslos erscheint. So besteht wenigstens die Chance, „Verbündete“ im Raum zu finden. Am Ende waren wir zu dritt. Immerhin.

Israel in den Medien

Laut dem Antisemitismusbericht, den das Bundesministerium des Innern 2009 in Auftrag gegeben hatte, sind rund 20% der Deutschen zumindest latent antisemitisch eingestellt. Oft äußert sich dieser Antisemitismus in überzogener „Israelkritik“, zu der man meint in besonderer Weise berechtigt und verpflichtet zu sein. Und nein, das Expertenteam hat den Antisemitimusbegriff sicher nicht zu weit gefasst. Vielmehr ist es grotesk zu sehen, was laut den Experten alles nicht antisemitisch ist. Auch die Aussage „man müsse die ‚Judenkapitalisten‘ aufhängen, niedertreten und zertrampeln“ von linker Seite (Ruth Fischer, KPD, 1923) sei NICHT antisemitisch (S.24). Denn Fischer nahm „selbst keine antisemitischen Positionen ein, sie bediente sich ihrer aber in agitatorischer Absicht.“ Wenn also all diejenigen, die zwar antisemitisch agieren, dabei aber selbst keine antisemitischen Positionen einnehmen, herausgerechnet werden, und immer noch bei 20% der Deutschen antisemitische Haltungen festgestellt werden, dann sieht es düster aus. Ein regelmäßiger Blick in die Israelberichterstattung deutscher Mainstreammedien kann diesen Zustand erklären helfen.

Hier geht’s zum Antisemitismusbericht.

Platznot in Gaza

Die Moderatorin erläutert die Schwierigkeiten der Palästinenser auf dem Weg zur Erfüllung ihres Traumes vom eigenen Staat und spricht über die Grezen eines möglichen Palästina. „Der Gazastreifen. Hier leben rund 1,5 Millionen Menschen, obwohl diese kleine Fläche nicht mal halb so groß ist wie HAMBURG!“

Sofort sehen wir vor unserem inneren Auge die humanitäre Katastrophe in Gaza: 1,5 Millionen Menschen wie Sardinen auf ein halbes Hamburg gequetscht. Hamburg bringt 1,8 Mio. Einwohner auf 755 km² unter. Gaza hat 360 km²,  womit ein Hamburger ungefähr doppelt so viel Platz hat wie ein Mensch im Gazastreifen. Nur: Welche arabische Stadt will man denn mit Hamburg vergleichen? In Kairo leben 8 Mio. Menschen auf 214 km². Ein Mensch in Gaza hat demnach neun mal so viel Platz wie ein Einwohner Kairos.

tagesschau.de, 13.09.11.