Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft

„Dimensionen des Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft. Pädagogische Interventionen – Theoretische Reflexionen“ – so war eine Tagung überschrieben, die am 29.05.2011 in der Volkshochschule in Köln stattfand. Die veranstaltende Organisation war die „Kölnische Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V.“, Sponsor unter anderen die Friedrich Ebert Stiftung. Die Programmbeschreibung klang vielversprechend. „Fachleute aus der Wissenschaft“ sollten beispielsweise folgende Fragen beantworten: „Welche Zugänge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts haben Jugendliche aus verschiedenen nationalen und kulturellen Hintergründen? Wie sind Studien zu bewerten, wonach muslimische Jugendliche eine signifikante Affinität für antisemitische Deutungsmuster aufweisen?“ – gut, dachte ich. Das ist genau mein Thema. Diese Fragen beschäftigen mich, seit ich im Zuge meines Studiums der Islamwissenschaft antisemitische Propaganda in der arabischen Welt untersucht habe. Der Antisemitismus unter Migranten mit muslimischem Hintergrund nimmt auch in Europa besorgniserregende Ausmaße an. Kinder, die in ihrem Herkunftsland womöglich eben noch in der Schule gelernt haben, dass die Juden für alle Übel der Menschheitsgeschichte verantwortlich sind, sollen nun in das europäische Bildungswesen integriert werden. Die Frage, wie in der Pädagogik mit den vorprogrammierten Problemen umgegangen werden soll, ist berechtigt. An Schulen habe ich selbst oft genug ratlosen Lehrkräften gegenübergestanden. Ich erhoffte mir von der Tagung interessante Impulse, weiterführende Informationen und neue Kontakte. Was ich erlebte, war für mich der ernüchternde Gipfel all dessen, was ich bisher an intellektueller Ignoranz auf diesem Gebiet erlebt hatte. Bereits das Eröffnungspodium gereichte zu einer vollkommenen Desillusionierung. Es gibt Leute, von denen ich eine Verleugnung der Tatsachen aufgrund eines zwanghaften Harmoniebedürfnisses erwarten würde, und andere, von denen ich das nicht erwarte. Dr. Juliane Wetzel gehörte bislang zu letzteren. 2002 hat sie zusammen mit Werner Bergmann eine Studie zum Antisemitismus in den Ländern der EU durchgeführt. Diese war von der EU selbst dem Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin, für das Frau Dr. Wetzel arbeitet, in Auftrag gegeben worden. Eines der Ergebnisse war, dass „körperliche Angriffe auf Juden und auf Synagogen in der untersuchten Periode häufig von Muslimen (meist Arabern) durchgeführt wurden.“ Oft sei dies nach pro-palästinensischen Demonstrationen der Fall gewesen. Auch die antisemitische Propaganda in den arabischen Medien, die von Europa aus über Satellit empfangen werden kann, wurde in der Studie thematisiert. Es heißt: „Die Staaten haben arabischen Publikationen, die antisemitische Propaganda in europäischen Ländern verbreiten, zu wenig Beachtung geschenkt.“ All dies biete „Grund zur Sorge“. Anfänglich war die Studie von der EU unter Verschluss gehalten worden, da die Ergebnisse geeignet seien, in der Bevölkerung „Islamophobie“ zu fördern. Selbige Juliane Wetzel stand am besagten Sonntag vor einem Publikum, das mit rund hundert Menschen viel größer war als erwartet, und behauptete, dass es einen Antisemitismus als neues Phänomen der Migrationsgesellschaft nicht gebe. Das sei ein Problem des sozialen Milieus oder der politischen Orientierung und könne nicht mit religiösem oder nationalem Hintergrund in Verbindung gebracht werden. Die jüdische Gemeinde in Berlin z.B. habe sich auf dieses Thema „eingeschossen“ und ließe den viel schlimmeren Antisemitismus der Rechten außen vor. Antisemitismus unter Muslimen sei „politischer Missbrauch einer Religion“ und erfülle für uns eine willkommene „Stellvertreterfunktion, um vom Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft abzulenken.“ Unterstützung erhielt sei dabei von Prof. Dr. Andreas Zick von der Universität Bielefeld: Muslime würden Antisemitismus erst im Einwanderungsland erleben. Die Moschee sei für sie der Ort, an dem sie ihre Fragen stellen und diskutieren würden. Wenn sie dort zufällig auf einen Antisemiten stießen, würden sie eben so geprägt werden. In mir machten sich Ohnmachtsgefühle breit, weil der ganze Saal mit den Aussagen einverstanden zu sein schien. Ein sehr sinnvolles und bewegendes Projekt stellte Mehmet Can von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus vor, im Zuge dessen sie mit deutschen Migrantenkindern palästinensischer und türkischer Herkunft nach Israel gereist waren, um Feindbilder zu entzerren. Er musste sich in der Diskussionsrunde vorwerfen lassen, den Jugendlichen „nur das positive Bild Israels“ gezeigt und ihnen Gaza vorenthalten zu haben. Am Ende des Tages waren alle Begriffe komplett dekonstruiert: Es gibt nicht „den“ Islam, es gibt nicht „den“ Antisemitismus und auch nicht „die“ Migranten. Richtig. Folglich gibt es auch „das“ Problem nicht und wir können alle glücklich und erleichtert nach Hause gehen. Die einzige klare Aussage des Tages war, dass man zu nichts klare Aussagen machen kann. Damit sind wir also davor gerettet, uns irgendwo positionieren zu müssen.
Warum der Tag trotzdem lehrreich und sinnvoll war? Ich habe gelernt, dass es sich lohnt, sich zu Wort zu melden, auch wenn es hoffnungslos erscheint. So besteht wenigstens die Chance, „Verbündete“ im Raum zu finden. Am Ende waren wir zu dritt. Immerhin.

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