Deutscher Medienpreis an Dr. Mitri Raheb

Eine angestrebte Verständigung zwischen Juden, Christen und Muslimen, die als kleinsten gemeinsamen Nenner den Hass gegen Israel hat, ist mitnichten ein „herausragendes Symbol der Menschlichkeit“.

an: buerobprherzog@gmx.de und dmp-pressebuero@media-control.de

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Deutsche Medienpreis 2011 soll am 24. Februar an Mitri Raheb aus Bethlehem verliehen werden. „Herausragende Symbole der Menschlichkeit“ sollen damit geehrt werden.
Auf der Homepage des Deutschen Medienpreises heißt es: „An einem anderen Platz der Welt schafft auch Dr. Mitri Raheb Orte der Begegnung, des Austauschs und des Dialogs: in Bethlehem, der biblischen Stadt, die jedoch kein Platz des Friedens ist. Nahe der Mauer zwischen Israelis und Palästinensern setzt sich der evangelische Pfarrer trotz vieler Rückschläge und Bedrohungen für die Verständigung von Christen, Moslems und Juden ein. Raheb hat eine ganze Infrastruktur von Schulen, Gesundheitszentren und Begegnungsstätten geschaffen, die das alltägliche Leben für die Menschen in Bethlehem leichter machen. Dr. Rahebs Wirken ist die Alternative zu Gewalt und Radikalisierung.“ Nun ist ein Einsatz für eine Verständigung an sich nichts Schlechtes, nur sollte berücksichtigt werden, auf welchem ideologischen Unterbau dieser Einsatz gründet. Der bedingungslose Einsatz an sich ist noch nicht der Ehrung wert. Welcher Mensch meint nicht von sich, er würde sich für Friede und Gerechtigkeit einsetzen? Im Namen von Friede und Gerechtigkeit wurden die schlimmsten Verbrechen begangen. Die Frage ist doch, was man unter diesen Schlagworten versteht und wie man sie zu erreichen gedenkt. Dort wo sich Dr. Mitri Raheb politisch positioniert, wird der Staat Israel an sich als Friedenshindernis abgestempelt und delegitimiert. Der Überlebenskampf des Landes inmitten von Terror und Vernichtungsdrohungen wird verkannt und verhöhnt.
Mitri Raheb vergleicht die Politik Israels mit dem Apartheid-System in Südafrika. Er ist einer der Autoren des „Kairos-Palästina-Dokuments“, in dem offen zum Boykott israelischer Waren aufgerufen wird.
Eine angestrebte Verständigung zwischen Juden, Christen und Muslimen, die als kleinsten gemeinsamen Nenner den Hass gegen Israel hat, ist mitnichten ein „herausragendes Symbol der Menschlichkeit“.
Als Journalistin, der eine faire Berichterstattung über Israel am Herzen liegt, kann ich die Wahl von Dr. Mitri Raheb als Empfänger des Deutschen Medienpreises nicht nachvollziehen und bitte Sie, diese Entscheidung zu überdenken.

Mit freundlichen Grüßen,

Carmen Matussek

Islamischer Antisemitismus – Kommentar zum Begriff

Ich bin (noch) kein Spezialist für islamischen Antisemitismus. Der „Antisemitismus in der arabischen Welt“, mit dem ich mich in meinen Studien eingehend beschäftigt habe, kann nicht so einfach als islamisch bezeichnet werden. Er speist sich aus Quellen des westlichen/europäischen/deutschen, aber auch russischen Antisemitismus des frühen 20. Jahrhunderts. Im Nachhinein ist er von beachtlichen Teilen der islamischen Theologie adaptiert worden. Aber auch vorher hat es islamischen Antisemitismus gegeben. Während die einen noch darüber streiten, wie ausgeprägt diese Feindschaft den Juden gegenüber im Islam gewesen ist, scheint eine führende Schicht von Wissenschaftlern sich darauf zu verständigen, dass es islamischen Antisemitismus überhaupt nicht gibt, dass er zumindest nicht statistisch nachgewiesen sei, und dass derartige Behauptungen „islamophob“ seien. Hier mein Statement dazu:

Ich kann aus dem Bauch heraus einen einstündigen Vortrag über christlichen Antisemitismus halten. Ich würde über Ritualmordlegenden, Vorwürfe von Brunnenvergiftung und Hostienschändung reden, ich würde so manche Päpste ebenso wie Martin Luther zitieren, und ich würde die heutigen antiisraelischen Eskapaden der Kirchen und Freikirchen, gleich welcher Denomination, beleuchten, von Pax Christi auf der Mavi Marmara über den ÖRK und das Kairos-Palästina-Dokument bis hin zum Ausschluss messianischer Juden vom Kirchentag. Das ist mein Job. Diese Tatsachen tun meinem eigenen Christsein keinen Abbruch, vielmehr fühle ich mich herausgefordert und umso mehr in der Verantwortung, diese Dinge beim Namen zu nennen. Christlicher Antisemitismus – das ist der Antisemitismus (nach gängiger Definition müsste man es „Antijudaismus“ nennen. Ich werde an anderer Stelle erklären, warum ich das nicht mache), der in Geschichte und Gegenwart mit christlichen Quellen von einflussreichen christlichen Theologen im Namen des Gottes der Bibel propagiert wurde und wird.

Islamischer Antisemitismus ist der Antisemitismus, der in Geschichte und Gegenwart mit islamischen Quellen von einflussreichen islamischen Theologen im Namen Allahs propagiert wurde und wird. Die Quellen bieten hierzu reichlich Material und die Theologen machten zu allen Zeiten Gebrauch davon, heute mehr denn je. Darüber zu sprechen sollte nicht nur erlaubt, sondern geradezu geboten sein.

Tagesschau und der Iran

Im November 2011 brachte tagesschau.de ein gar nicht mal schlechtes Interview mit Dr. Henning Riecke zum IAEA-Bericht und den iranischen Bombenbaubestrebungen. Darin die Aussage: „Äußerungen wie das oft beschworene ‚Israel muss von der Landkarte getilgt werden‘ kann man so interpretieren, dass der Iran Israel mit Atomwaffen treffen will. Dieses Gefühl der Bedrohung, das in Israel herrscht, muss man unbedingt ernst nehmen.“ Tagesschau.de meinte, das in einem extra Kasten erklären und korrigieren zu müssen, und erzählte die alte Mär vom Übersetzungsfehler. Dieser Irrglaube hält sich penetrant in den Köpfen der Menschen, weil es bequem ist, zu glauben, dass es nie Vernichtungsdrohungen gegeben habe, und weil „seriöse“ Medien diesen Quatsch Jahre später immer noch verbreiten. Nur hat die iranische Führung ihre Drohungen nach dem vermeintlichen Übersetzungsdesaster aus dem Jahr 2005 ununterbrochen wiederholt und in englischsprachigen Verlautbarungen selbst die Übersetzung „Israel should be wiped out of the face of the world“ autorisiert. Mehr dazu bei Joshua Teitelbaum: Die iranische Führung in ihren eigenen Worten über die Vernichtung Israels: Ein Plädoyer gegen apologetische Kampagnen zur Entschuldung des Aufrufs zum Völkermord.

Ein weiteres, anschauliches Beispiel für die Unterschlagung von Informationen, die nicht ins Bild passen: Der Bericht über die US-Drohne, die der Iran im Dezember 2011 in seinen Besitz gebracht hat. Im iranischen Fernsehen wurde die Drohne gezeigt, umgeben von Bannern mit vielsagenden Aufschriften, von denen tagesschau.de aber nur die harmloseste für die Leser übersetzt hat: „Amerika kann [uns] gar nichts/einen Dreck“. Das ist das Banner links unten. Rechts steht: Ma Amrika ra zirpa migodharim: „Wir besiegen Amerika (wörtlicher: wir kriegen Amerika unter unsere Füße)“. Auf dem Plakat, das über der Drohne hängt und das tagesschau.de groß im Titelbild bringt, steht das Übliche: „Tod Amerika, Tod Israel, Tod England“. Das kann man nicht anders übersetzen und auch nur schwer interpretieren. Warum ist es so unverständlich, dass solche Todeswünsche auf offiziellen Plakaten Besorgnis von Seiten Israels und Spionageflugzeuge aus den USA hervorrufen?

Freiheitskämpfer im Balata-Camp

Mitte Mai 2010, parallel zu den Feierlichkeiten zur Staatsgründung Israels, besuchte Richard C. Schneider das Balata Flüchlingscamp. Er zeigte die Bilder einiger „Märtyrer“ und erklärte den Zuschauern: „Das sind sogenannte Shahid, Märtyrer. Das sind junge Leute, die während der Intifadas im Kampf gegen Israel gefallen sind. Teilweise Leute, die zu den al-Aqsa-Märtyrer Brigaden gehörten, teilweise zum Islamischen Djhad oder zur Hamas. Und hier wird dieser getöteten jungen Palästinenser mit solchen Bildern gedacht.“ Googelt man die abgebildeten, angeblichen Intifada-Kämpfer auf Arabisch, stellt sich heraus, dass diejenigen, über die sich etwas herausfinden lässt,  am 30.9.2005 gestorben sind. Die zweite Intifada gilt seit Februar 2005 als abgeschlossen. Am 12.09.2005 hatten die letzten israelischen Soldaten Gaza verlassen. Welchen Grund sollen diese Männer gehabt haben, gerade in dieser Zeit im Westjordanland eine abgeschlossene Intifada fortzuführen? Herr Schneider stellt diese Fragen nicht. Der, auf dessen Plakat auch Arafat abgebildet ist, heißt Jamal Ibrahim al-Jarami, war 20 Jahre alt und starb in Nablus (oder kam daher?), als Todesursache bzw. Art der Verletzungen steht da „ganzer Körper“. Der andere heißt ‚Ala` Yusuf al-Tirawi, ebenfalls 30.9.2005, Nablus, „Brust und Bauch“… (die Infos sind von www.aqsaa.com, einer arabischen Seite).

Die Architektur in dem „Camp“ (natürlich Massivbauten und keine Zelte) wird als besonders unzumutbar dargestellt, enge Gassen, ganz kleine Fenster, und das bei der Hitze! Außerdem gäbe es für 25.000 Leute in dem Camp nur einen Wasserhahn (für den sich aber zur Zeit des Drehs niemand zu interessieren scheint). Wer schon einmal in einer beliebigen arabischen Stadt war, weiß: In sozial vergleichbaren Vierteln überall in der arabischen Welt sieht es genauso aus. Und selbst betuchte Familien bauen klassisch nach außen hoch und dabei oft sogar gänzlich ohne Fenster, eben einbruchsicher. Die Frau sonnt sich im Innenhof, denn draußen darf sie das ja nicht. Im Balata „Camp“ wird das trotz aller tatsächlicher Armut nicht anders sein. Und dass sie dort die europäischen DIN-Normen für Verkabelungen und Hygienestandarts nicht erfüllen, ist auch nicht den armen Unterdrückten vorbehalten. Wo außer in den jeweiligen Regierungsvierteln ist das denn anders?

Ich habe das Video bei der Suche nicht mehr gefunden. Auch da, wo die Videoblogs „Zwischen Mittelmeer und Jordan“ gesammelt sind, findet man es nicht. Oder war das außerhalb des Blogs? Wenn es jemand findet, kann er mir Bescheid sagen, damit ich es verlinken kann.

Apropos: Das Land zwischen Mittelmeer und Jordan: Wenn man wollte, könnte man es auch „Israel“ nennen.

Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft

„Dimensionen des Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft. Pädagogische Interventionen – Theoretische Reflexionen“ – so war eine Tagung überschrieben, die am 29.05.2011 in der Volkshochschule in Köln stattfand. Die veranstaltende Organisation war die „Kölnische Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V.“, Sponsor unter anderen die Friedrich Ebert Stiftung. Die Programmbeschreibung klang vielversprechend. „Fachleute aus der Wissenschaft“ sollten beispielsweise folgende Fragen beantworten: „Welche Zugänge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts haben Jugendliche aus verschiedenen nationalen und kulturellen Hintergründen? Wie sind Studien zu bewerten, wonach muslimische Jugendliche eine signifikante Affinität für antisemitische Deutungsmuster aufweisen?“ – gut, dachte ich. Das ist genau mein Thema. Diese Fragen beschäftigen mich, seit ich im Zuge meines Studiums der Islamwissenschaft antisemitische Propaganda in der arabischen Welt untersucht habe. Der Antisemitismus unter Migranten mit muslimischem Hintergrund nimmt auch in Europa besorgniserregende Ausmaße an. Kinder, die in ihrem Herkunftsland womöglich eben noch in der Schule gelernt haben, dass die Juden für alle Übel der Menschheitsgeschichte verantwortlich sind, sollen nun in das europäische Bildungswesen integriert werden. Die Frage, wie in der Pädagogik mit den vorprogrammierten Problemen umgegangen werden soll, ist berechtigt. An Schulen habe ich selbst oft genug ratlosen Lehrkräften gegenübergestanden. Ich erhoffte mir von der Tagung interessante Impulse, weiterführende Informationen und neue Kontakte. Was ich erlebte, war für mich der ernüchternde Gipfel all dessen, was ich bisher an intellektueller Ignoranz auf diesem Gebiet erlebt hatte. Bereits das Eröffnungspodium gereichte zu einer vollkommenen Desillusionierung. Es gibt Leute, von denen ich eine Verleugnung der Tatsachen aufgrund eines zwanghaften Harmoniebedürfnisses erwarten würde, und andere, von denen ich das nicht erwarte. Dr. Juliane Wetzel gehörte bislang zu letzteren. 2002 hat sie zusammen mit Werner Bergmann eine Studie zum Antisemitismus in den Ländern der EU durchgeführt. Diese war von der EU selbst dem Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin, für das Frau Dr. Wetzel arbeitet, in Auftrag gegeben worden. Eines der Ergebnisse war, dass „körperliche Angriffe auf Juden und auf Synagogen in der untersuchten Periode häufig von Muslimen (meist Arabern) durchgeführt wurden.“ Oft sei dies nach pro-palästinensischen Demonstrationen der Fall gewesen. Auch die antisemitische Propaganda in den arabischen Medien, die von Europa aus über Satellit empfangen werden kann, wurde in der Studie thematisiert. Es heißt: „Die Staaten haben arabischen Publikationen, die antisemitische Propaganda in europäischen Ländern verbreiten, zu wenig Beachtung geschenkt.“ All dies biete „Grund zur Sorge“. Anfänglich war die Studie von der EU unter Verschluss gehalten worden, da die Ergebnisse geeignet seien, in der Bevölkerung „Islamophobie“ zu fördern. Selbige Juliane Wetzel stand am besagten Sonntag vor einem Publikum, das mit rund hundert Menschen viel größer war als erwartet, und behauptete, dass es einen Antisemitismus als neues Phänomen der Migrationsgesellschaft nicht gebe. Das sei ein Problem des sozialen Milieus oder der politischen Orientierung und könne nicht mit religiösem oder nationalem Hintergrund in Verbindung gebracht werden. Die jüdische Gemeinde in Berlin z.B. habe sich auf dieses Thema „eingeschossen“ und ließe den viel schlimmeren Antisemitismus der Rechten außen vor. Antisemitismus unter Muslimen sei „politischer Missbrauch einer Religion“ und erfülle für uns eine willkommene „Stellvertreterfunktion, um vom Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft abzulenken.“ Unterstützung erhielt sei dabei von Prof. Dr. Andreas Zick von der Universität Bielefeld: Muslime würden Antisemitismus erst im Einwanderungsland erleben. Die Moschee sei für sie der Ort, an dem sie ihre Fragen stellen und diskutieren würden. Wenn sie dort zufällig auf einen Antisemiten stießen, würden sie eben so geprägt werden. In mir machten sich Ohnmachtsgefühle breit, weil der ganze Saal mit den Aussagen einverstanden zu sein schien. Ein sehr sinnvolles und bewegendes Projekt stellte Mehmet Can von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus vor, im Zuge dessen sie mit deutschen Migrantenkindern palästinensischer und türkischer Herkunft nach Israel gereist waren, um Feindbilder zu entzerren. Er musste sich in der Diskussionsrunde vorwerfen lassen, den Jugendlichen „nur das positive Bild Israels“ gezeigt und ihnen Gaza vorenthalten zu haben. Am Ende des Tages waren alle Begriffe komplett dekonstruiert: Es gibt nicht „den“ Islam, es gibt nicht „den“ Antisemitismus und auch nicht „die“ Migranten. Richtig. Folglich gibt es auch „das“ Problem nicht und wir können alle glücklich und erleichtert nach Hause gehen. Die einzige klare Aussage des Tages war, dass man zu nichts klare Aussagen machen kann. Damit sind wir also davor gerettet, uns irgendwo positionieren zu müssen.
Warum der Tag trotzdem lehrreich und sinnvoll war? Ich habe gelernt, dass es sich lohnt, sich zu Wort zu melden, auch wenn es hoffnungslos erscheint. So besteht wenigstens die Chance, „Verbündete“ im Raum zu finden. Am Ende waren wir zu dritt. Immerhin.